Interview/Jockey Talks

Andreas Tiedtke

GaloppOnline.de: Herr Tiedtke, wieviel Uhr ist es? 5 vor 12, Punkt 12 oder 5 nach 12?

Andreas Tiedtke: Die Frage ist sehr zugespitzt und zu simplifizierend. Nach dem Zusammenbruch am 8. Mai 1945 hätte wohl niemand mehr an einen schnell wieder auflebenden Rennbetrieb geglaubt. Damals war es deutlich 5 nach 12. Ich denke, wir müssen jetzt handeln, aber es ist nie zu spät.

GaloppOnline.de: Wenn Sie das Wort Strukturreform ganz allgemein definieren müssten, wie sähe diese Definition aus?

Andreas Tiedtke: Es gibt seit Jahren Erkenntnisse und Best-Practice zu den Strukturen und zur Vermarktung des Rennsports. Wir haben in der Vergangenheit schon viel Geld investiert (seit 2005 wird das Thema diskutiert und evaluiert), und in anderen Ländern haben große Unternehmensberatungen daran gearbeitet. Man kann es zusammenfassen in Bündelung und Intensivierung aller Vermarktungsaktivitäten bei Schaffung attraktiver Standards und optimierter Kostenstrukturen – oder kurz: ganzheitliche Produktverbesserung.

GaloppOnline.de: Bevor man es aus den Augen verliert: welches sind die Kernelemente der Strukturreform des deutschen Turfs?

Andreas Tiedtke: Es gibt zwei Säulen. Zum einen gilt es nachhaltige Ertragsstrukturen zu schaffen, die im Wesentlichen den Verlust der jährlichen Ausschüttung von RaceBets kompensieren und dauerhaft überschreiten. Zum anderen die Schaffung neuer, wettbewerbsorientierter Einheiten mit dem Schwerpunkten Media, Wette und Organisation. Beide Ansätze gilt es gleichermaßen voranzutreiben, damit wir aus der Rolle des Konsumierens herauskommen und den notwendigen Spielraum haben, die Maßnahmen auch umzusetzen. Denn daran hat es doch bisher immer gehakt. Die Erkenntnisse und Ideen sind da, die Umsetzung scheiterte an den finanziellen Mitteln.

GaloppOnline.de: Ein Beispiel?

Andreas Tiedtke: Die TV-Sendung RaceBets-Pferderennen-Live. In den Jahren 2011 und 2012 konnten wir bis zu 16 Sendungen live produzieren, die in der Spitze bis zu 300.000 Zuschauer bei Sport1 erreichten und Menschen neu an die Pferdewette heranführten. Leider fehlten uns die Mittel, dies fortzusetzen. Die TV Präsenz und die massive Nutzung der Social Media Kanäle sind aber die Bedingung, in der Breite stärker wahrgenommen zu werden. Auch hier hilft ein Blick auf andere Sportarten, die eigene Plattformen betreiben, zum Beispiel die Volleyball-Liga oder über öffentliche Plattformen wie Spox und DAZN anbieten. Das wird wichtiger, da die jüngeren Generationen kaum Zeitungen lesen und deren Fernsehkonsum immer weiter zurückgeht. Deshalb war und ist ein Vorschlag im Rahmen der Strukturüberlegungen, dort einen Schwerpunkt mit jungen Mitarbeitern zu setzen, die diese Denkweise mitbringen und darüber eine völlig neue Kommunikationsstrategie aufbauen. Die Schubladen liegen voller Ideen, z. B. aus der German Racing Concept Challenge, der Zusammenarbeit mit Universitäten.

GaloppOnline.de: Die Öffentlichkeit hat den Eindruck, es geht nichts voran. Stimmt das?

Andreas Tiedtke: Zum Teil ja. Natürlich ist die Umstrukturierung im Dachverband ein schwieriges Thema mit vielen Beteiligten, die man „mitnehmen“ muss und zum anderen gibt es unterschiedliche Schwerpunkte in der Betrachtung. Während einige das Thema Governance und Personen als Voraussetzung für die weiteren Schritte sehen und erst einmal den neuen Präsidenten des DVR abwarten möchten, stellen andere Projekte in den Vordergrund und würden am liebsten mit einigen Punkten direkt loslegen.

GaloppOnline.de: Können Sie die Ungeduld verstehen?

Andreas Tiedtke: Ja, unbedingt. Geduld ist auch nicht meine Stärke. Ich denke, man kann auch zu lange warten.

GaloppOnline.de: Haben Sie, beziehungsweise der Dortmunder Rennverein, deshalb „ungeduldig“ die Anträge zur Abzugssenkung, zu neuen Wettarten und zur Einsparung im DVR bei der Versammlung der BGG gestellt?

GaloppOnline.de: Ja. Zum einen, um bei der Gruppe der Rennvereine die notwendige Zustimmung einzuholen, zum anderen, damit bei der Umsetzung nicht die Gremienvorbehalte zu weiteren Verzögerungen führen.

GaloppOnline.de: Sehen Sie noch „das große Projekt“, auf das das Warten lohnt und angesichts dessen man eine Vertröstung verstehen würde?

Andreas Tiedtke: Für die Schaffung neuer Einnahmequellen und nachhaltiger Stärkung des Vertriebs der Wette sehe ich sehr positive Signale. Hier müssen wir die Entscheider und die Gesellschafterstrukturen möglicher Partner einbinden und steuern, dazu gesetzliche Vorschriften beachten. Das klingt sehr vage, aber Sie werden verstehen was ich meine, wenn wir in hoffentlich naher Zukunft veröffentlichen können, was wir in den letzten Monaten vorkonstruiert haben.

GaloppOnline.de: Und die bestehenden Strukturen?

Andreas Tiedtke: Da wird noch das eine oder andere „dicke Brett“ zu bohren sein. Ronald Reagan, der als US-Präsident antrat, um u. a. die Verwaltung zu verschlanken sagte: „No government ever voluntarily reduces itself in size. Government programs, once launched, never disappear. Actually, a government bureau is the nearest thing to eternal life we‘ll ever see on this earth!” Das gilt leider auch für Bereiche bei uns, insbesondere in der Verbandsstruktur.  

GaloppOnline.de:  Die Mitgliederversammlung des Direktoriums ist vom Januar in den März verschoben worden. Kennen Sie den Grund?

Andreas Tiedtke: Ich denke, man will dem neuen Präsidenten, beziehungsweise dem Kandidaten für dieses Amt, die Möglichkeit geben sich persönlich vorzustellen. Das ist sinnvoll, denn wer würde schon jemanden in Abwesenheit wählen?

GaloppOnline.de: Kennen Sie den neuen Präsidenten? Wenn ja, was erwarten Sie von ihm?

Andreas Tiedtke: Da ich auch nur inoffizielle Informationen haben, möchte ich mich mit einer Bewertung zurückhalten. Ich erwarte eine schnelle Einarbeitung und die Ausfüllung des Amtes im Rahmen unserer Satzung. Der DVR-Präsident ist von der Satzung her kein operativer Manager, sondern Repräsentant und Botschafter von Vollblutzucht und Galopprennsport. Grundsätzlich ist meine Meinung aber dazu, dass ich es gut gefunden hätte, wir hätten einen exponierten Repräsentanten aus dem Sport bewegen können, das Amt zu übernehmen. Die Lobbyarbeit in Brüssel, zum Beispiel der EFTBA, der europäischen Züchterorganisation, zeigt, dass das glaubwürdigste Vorbringen ein solches ist, wenn es  von den Betroffenen selbst her kommt. Einen Züchter oder eine Züchterin, die mit finanziellem Engagement Arbeitsplätze schafft, einen landwirtschaftlichen Betrieb erfolgreich führt und die Pferde liebt, wäre auch ein guter Botschafter für unseren Sport.

GaloppOnline.de: Lassen Sie uns über Geld reden: Haben Sie einen Überblick, wie viele Euro des RaceBets-Geldes schon weg oder zumindest verplant sind?

Andreas Tiedtke: Hierzu hat Herr Woeste in Iffezheim Aussagen getroffen. Ein kleinerer Teil wird wohl verwendet werden, die Strukturreform voranzubringen und das aktuelle Niveau, zum Beispiel bei den Fördermaßnahmen, auch für 2018 sicherzustellen.

GaloppOnline.de: Man hat den Eindruck, alle stimmen zu, dass es zu einer Reform der Strukturen kommen muss. Warum gibt es offenbar dennoch ein „Ja, aber…“?

Andreas Tiedtke: Ich bin mir sicher, dieses „Ja, aber“ kommt auch daher, dass für viele die Vorstellungen noch zu abstrakt sind. Wir haben auf der KG-Versammlung in Iffezheim gehört, dass der Beirat nicht über Details informiert wurde. Dass deshalb eine gewisse Zurückhaltung zu spüren ist, verstehe ich gut. Auch glaube ich, dass wir – hätten wir bereits einzelne Punkte begonnen umzusetzen – eine positive Stimmung hätten. Wie schon oben sagt, gibt es natürlich auch Bewahrer, die eigentlich nur neue Ertragsstrukturen bekommen möchten, ohne an Mitbestimmung, Gremieneinfluss und so weiter zu verlieren.

GaloppOnline.de: Sind die Verzögerungen denn in Ihren Augen ein sachlich-inhaltliches Problem oder ein personelles Problem?

Andreas Tiedtke: Ich glaube, beides bedingt sich ein wenig, zumal es unterschiedliche Herangehensweisen gibt.

GaloppOnline.de: Hand aufs Herz: Haben Sie daran gedacht, die Brocken hinzuschmeißen, in den letzten Wochen oder Monaten?

Andreas Tiedtke: De facto beschränkt sich zumindest meine Mitarbeit seit Monaten auf ein geringes Maß im Bereich der ersten Säule, der Schaffung der neuen Ertragsstrukturen. Ich kann nicht verhehlen, dass die Schaffung von Fakten, die eigentlich bestimmten Überlegungen zuwiderlaufen, zu einer gewissen Ernüchterung geführt hat. Es geht mir nicht schnell genug. Auch fehlt bisweilen die Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Ideen. Anstelle sich mit Vorschlägen, die an uns herangetragen wurden, zu beschäftigen, bleibt man lieber „beim Alten“. So dürfte meines Erachtens im Bereich Media kein neuer Mitarbeiter über 30 Jahre sein, damit wir hier ganz andere Ansätze verfolgen können…

GaloppOnline.de: Was hält Ihren Glauben an eine positive Zukunft des deutschen Rennsports aufrecht?

Andreas Tiedtke: Der leider so früh verstorbene Daniele Porcu hat mir im September einmal gesagt, dass er nicht verstehen kann, warum wir den Rennsport und unsere Leistungen immer so klein reden. Er sagte: „Wenn der italienische Rennsport Persönlichkeiten wie zum Beispiel Herrn Ostermann, Herrn Baum oder Herrn Woeste hätte, wäre es nie zu dem Niedergang gekommen.“ Und er würde noch immer in Italien sein. Er hatte Recht.  Wir haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten bereits den Strukturwandel in der Finanzierung der Rennbahnen erlebt und überlebt. Weg von der fast vollständigen Deckung der Ausgaben durch die Totoeinnahmen hin zu einer Finanzierung über Besucher, Hospitality und Drittveranstaltungen. Wir haben so viele positive Einzelbeispiele. Das zeigt, wie gut wir uns angepasst haben und dass der eingeschlagene Weg richtig ist. Deshalb glaube ich an die Zukunft. Deshalb müssen wir investieren und nicht konsumieren, um das Erlebnis eines Rennbahnbesuches zu vermitteln und bessere Standards zu setzen – und dieses auch kommunizieren.

GaloppOnline.de: Noch mal Hand aufs Herz: geht es noch mit dem bisherigen Modus Operandi oder braucht es eine Revolution, wie sie in der Szene immer mal wieder gefordert wird?

Andreas Tiedtke: Wir sind doch mit dem bisherigen Modus Operandi gar nicht einmal so unerfolgreich gewesen. German Racing, die KG, das war ein Erfolgsprojekt, das uns die Mittel jetzt überhaupt zur Verfügung gestellt hat. Der Kauf von Pferdewetten.de-Aktien im Jahr 2016, auf kürzestem Weg beschlossen, war finanziell auch ein guter Erfolg. Wir können das schon. Wir brauchen keine Revolution, sondern Mut und Vertrauen in unsere eigenen Fähigkeiten.

(30.01.2018)