Interview/Jockey Talks

Franz Prinz von Auersperg

Franz Prinz von Auersperg ist seit jeher jemand, der kein Blatt vor den Mund nimmt und seine Meinung, die er sich gebildet hat, offen kundtut. Der Besitzer des Derbysiegers Pastorius und Vizepräsident des Münchener Rennvereins hat mit sich in der Szene auch kürzlich zu Wort gemeldet, als es um den Verkauf von RaceBets ging, um die Bildproduktion von deutschen Bahnen und weitere aktuelle Themen. Patrick Bücheler hat sich mit ihm unterhalten.

In der letzten Woche ist der Verkauf von RaceBets für 40 Millionen Euro publik geworden, von denen der Sport im besten Fall rund 16 Millionen Euro erhalten wird. Wie finden Sie diesen Deal? Es gab ich kritische Stimmen.

Zum Beispiel von mir, richtig. Ich muss gestehen, es schlagen hier zwei Herzen in meiner Brust. Der Zufluss von 16 Millionen Euro ist, wenn alles funktioniert, sicherlich sehr positiv und kann eine tolle Motivation sein, die Dinge nun anzupacken, die man ganz einfach anpacken muss. Das ist das eine. Aber schauen Sie: wenn jemand ein Schloss besitzt, dann hat er in der Regel auch viel Wald drum herum, und sorgt dafür, dass der gehegt und gepflegt wird und bestenfalls kauft er jedes Jahr weiteren Wald hinzu. Der Rennsport kommt mir im Moment ein wenig so vor wie ein Schloss, aber mit immer weniger Wald. Die Mehrheit an German Tote ist für eine geradezu lächerliche Summe verkauft worden, und jetzt ist RaceBets weg. Ich kann natürlich die anderen Gesellschafter verstehen, für die ist es eine einmalige Gelegenheit, die sich jetzt ergeben hat, Geld zu verdienen. Meine Angst war, dass jetzt gewissermaßen aus allen Löchern jemand kommt und hier Geld einfordert und dort etwas vom Kuchen abhaben will. Gottseidank scheint es so zu sein, dass die meisten wichtigen Entscheidungsträger im Rennsport es wie ich sehen, dass das Geld eingefroren wird und zunächst ein klares Konzept her muss, was man genau mit dem Geld vorhat, wo man es einsetzen will.

Der Betrag bietet einige Chancen.

Richtig, er eröffnet Möglichkeiten. Aber man muss darüber diskutieren, was genau man macht.

Dabei fällt immer das Schlagwort der „neuen Struktur“.

Genau. Die müssen wir zwingend haben. Es ist in meinen Augen die Grundvoraussetzung. Ein professionelles Team, schlagkräftig, zu Entscheidungen befugt. Nicht mehr eine Besitzergemeinschaft mit sage und schreibe 21 Vorstandsmitgliedern, nicht mehr eine BGG, ein Direktorium mit seinen vielen Gremien und so weiter. Nicht falsch verstehen: ich will das nicht abschaffen. Aber die Entscheidungsprozesse müssen anders sein. Ein junges, aggressives Team, das sich sowohl mit den aktuellen Problemen als auch den neuen Möglichkeiten auseinandersetzt und ein klares Konzept entwickelt.

Haben Sie mit dieser Sichtweise andere Personen hinter sich?

Ja. Da stehen viele Personen dahinter, die relevant sind in diesem Sport und auch heute schon einige Verantwortung tragen. Die auch mit persönlichem Vermögen den deutschen Rennsport aufrecht erhalten. Ich sehe da keinen, der fordert, er wolle sein Geld zurück, das in den letzten Jahren investiert worden ist.

Sondern einen Weg in die Zukunft aufgezeichnet bekommen?

Man will nicht sehen, dass Geld, welches nun da ist, verbrannt wird, um es einmal etwas drastisch auszudrücken, sondern eine Organisation ins Leben rufen, die professionell arbeitet, die Vermarktung angeht, neue Einnahmequellen erschließt und einiges mehr. Auch das ist nicht gegen die heutige Administration zum Beispiel im Direktorium gerichtet, die braucht es ja weiterhin, aber wir müssen entscheidende Aufgaben auf eine ganz neue Ebene verlagern. Eine Kernaufgabe ist es auch, neue Besitzer zu finden, schon aktive Besitzer zu ermuntern, immer wieder neue Pferde zu kaufen. Das sehe ich alles unter dem großen Oberbegriff der Vermarktung.

Heute laufen Besitzer gerne in Frankreich.

Gutes Thema. Da setze ich eine weitere Provokation an, die einigen nicht gefallen wird. Wenn es die deutschen Starter zum Beispiel auf Rennbahnen wie Straßburg oder Nancy nicht gäbe, könnte man dort zusperren. Da bin ich mir ziemlich sicher. Die Bahnen leben von Pferden, die in Deutschland trainiert werden, zu wohl rund 60 Prozent der Kosten, die man in Frankreich hätte. Wir haben nichts davon, wenn diese Pferde in Frankreich Geld verdienen. Mein Vorschlag wäre es, 2 oder 2,5 Prozent des Rennpreises statt bisher 1 Prozent an die neue Gesellschaft abzuführen, um weitere Finanzmittel zu haben für die Zukunft und die Sicherung der Zukunft des Rennsports in Deutschland. Das ist sicherlich bei vielen nicht populär, eine solche Meinung.

Glauben Sie denn, dass es gelingen  kann, eine neue Struktur ins Leben zu rufen?

Ich hoffe das, es muss sein. Natürlich müssen wir da auch persönliche Eitelkeiten ablegen. Ich glaube aber, dass, sagen wir einmal  70 Prozent des Präsidiums schon einer Meinung sind, dass es ohne die neue Struktur nicht geht, die die Vermarktung des Rennsports in die Hände nimmt. Dass ich das Thema Vermarktung sehr breit sehe, habe ich ja schon angedeutet.

Sie schließen vermutlich auch das Wettgeschäft mit ein.

German Tote ist weg, RaceBets ist weg, was ist noch da, in Sachen Wetten? Also müssen wir an den Bereich Wetten wieder neu heran.

Weil Sie nicht glauben, dass es mit der PMU geht?

Das Thema PMU und German Tote beinhaltet ja nicht nur die Thematik des Wettens. Es geht hier ja ganz entschieden auch um die Thematik der Bildererstellung auf den Rennbahnen, um die Vermarktung der Bilder und den Betrieb des Totosystems. Ein aktuelles Thema ist es ja, dass wir Gefahr laufen, dass die Kosten der Produktion der Bilder von den Rennbahnen nicht mehr komplett übernommen werden können, sondern die Rennvereine wieder mit finanzieren sollen. Auf der anderen Seite sollen wir aber keinen Einfluss auf die Vermarktung haben? Wenn ich jetzt für München spreche, sage ich, wir gehen den zentralen Weg natürlich mit, wenn der uns richtig erscheint, aber nicht um alles in der Welt. Wenn wir gezwungen werden sollten, etwas mitzutragen, von dem wir nicht überzeugt sind, kann es passieren, dass wir beispielsweise die zwei Gruppe I-Rennen, die wir haben zurückgeben, eigentlich zurückgeben müssen. Und wir haben diese Rennen in diesem Jahr gut gemacht, was Starter und den Rahmen angeht.

Die Rennen hatten Qualität, das stimmt.

Qualität ist das Stichwort. Ich bin gegen jede Art von Qualitätsverlust. Wir können uns Qualitätsverluste nicht leisten, wenn wir den Rennsport in die Zukunft führen. Dazu zähle ich auch die Rennverfilmung, die lokale Präsentation der Rennen auf den Großbildleinwänden und einiges mehr. Wenn wir Qualität streichen, sind wir auf dem falschen Weg.

Das Thema Bildrechte haben Sie angesprochen.

Sie sind zentral gebündelt, das wurde damals so beschlossen, für den Fall, dass die Bildproduktion und der Totobetrieb komplett zentral bezahlt werden. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man die Bilder auch dezentral vermarktet, hätte da keine Angst vor. Aber ob es erstrebenswert ist, steht auf einem anderen Blatt. Schauen Sie: Südafrika vermarktet seine Rennen in mehr als 100 Länder. Wenn man es bösartig sieht, könnte man sagen, PMU und German Tote ist es egal, in wieviele Länder wir deutsche Rennen vermarkten. Ob es zusätzlich noch nach England geht, nach Skandinavien oder woanders hin. So recht kümmert sich in meinen Augen niemand drum, das muss professionalisiert werden und darf nicht nur unter Umsatzgesichtspunkten des französischen PMU-Totos gesehen werden. Ich höre jetzt, man wolle beim Direktorium jemanden anstellen, den  man Wettexperten nennt. Ich halte das für Quatsch, wenn man es ohne das Einbetten in die neuen Strukturen macht und so ganz nebenbei: wir hätten ja die Leute, die das können. Auch für die Aushandlung der Verträge mit der PMU hätten wir die Profis in den eigenen Reihen gehabt, aber die sind viel zu spät zu Rate gezogen worden. Ich nenne einmal die Namen Jacobs, von Schubert und von Boetticher in diesem Zusammenhang.

Hören Sie manchmal Sätze wie „Hör mal das Meckern auf, Franz“?

Auch, klar. Aber ich bekomme auch viele Antworten und Resonanzen, die sagen, Du hast Recht mit dem was Du sagst, wie Du den Finger in die Wunde legst. Jetzt ganz aktuell: die Sichtweise, dass man das Geld, was man bekommt, nicht mit dem Füllhorn breit streuen darf ist sehr weit verbreitet. Das Geld ist jetzt da, jetzt muss gut überlegt werden, was man macht.

Hätten Sie dem Sport gewünscht, dass er RaceBets lieber behalten hätte?

Sehr gute Frage. Wenn man rein als Unternehmer gehandelt hätte, sicherlich, aber das hätte man dann schon in den Vorjahren tun müssen. Da hat man so gut es ging das Geld herausgezogen, um es für diverse Maßnahmen zu verwenden, statt es in weiteres Wachstum zu investieren. Aber man muss der Fairness halber natürlich sagen: dass der Rennsport jetzt so viel Geld bekommt, ist dennoch ein großartiges Ergebnis. Das Problem ist jetzt: wir haben als Sport keine Plattform mehr und auf die Plattformen die da sind nicht mehr den notwendigen Einfluss. Es ist bekannt, dass die PMU über ihre Mehrheit und mögliche Kapitalerhöhungen in der Lage wäre, deutlich mehr Einfluss zu bekommen, die Gelder anders zu kanalisieren, zum Beispiel in Richtung Traber, ohne dass wir etwas dagegen machen könnten. Obwohl das Unternehmen durch den Galopprennsport gegründet wurde und durch diesen groß geworden ist.

Die neuen Wege erfordern nun viel Umdenken.

Und Mut. Wir müssen Mut haben. Ich wiederhole mich: ein junges, schlagkräftiges Team, drei bis vier Leute, die in Sachen der Vermarktung eng mit den Rennvereinen zusammenarbeiten. Als Unternehmen und als Unternehmer!

Das Stichwort DFL fällt hier des Öfteren.

Zu Recht. So ähnlich sollte das sein. Auch der DFB hat seine alten Strukturen, Gremien, die es auch braucht. Aber er hat das professionelle Vermarktungsvehikel.

Ist im Fußball alles Gold, was glänzt?

Nicht unbedingt. Da bin ich dann bei meinem letzten Hallelujah, wenn Sie so wollen. Ich hatte zuletzt die Ehre, neben einem Präsidenten eines Fußball-Bundesligisten zu frühstücken. Er hat mich gefragt, wie ich die neue Vermarktung der TV-Bilder im Fußball sehen würde. Ich habe durchaus klar gesagt, dass ich das kritisch sehe. Es besteht im Fußball dadurch, dass es quasi jeden Tag etwas gibt, Bundesliga an drei Tagen, dann Champions League, dann Europa League, dann direkt wieder Bundesliga. Ich nenne so was „over- exposure“, das ist zu viel, es fehlen die Highlights. Ich will nicht sagen, dass er mir da 100 Prozent zugestimmt hat, aber er hat zu den Einwänden genickt.

Sie sagen immer, der Rennsport hat viele Pfunde, mit denen er wuchern kann.

Absolut. Wir haben ein tolles Produkt, in vielerlei Hinsicht, das jetzt zukunftsreif gemacht werden muss. Die Mittel dafür sind da.

(20.12.2016)