Interview/Jockey Talks

Sebastian Weiss

Betsson-CEO Ulrik Bengtsson und Sebastian Weiss
Betsson-CEO Ulrik Bengtsson und Sebastian Weiss

Als Gründer und Hauptanteilseigner an RaceBets ist Sebastian Weiss aktuell Ansprechpartner Nummer Eins, was Einzelheiten zu dem Verkauf des Unternehmens an Betsson AB angeht.

Wie kam der Kontakt zu Betsson zustande?

Betsson ist im Sommer auf uns zugekommen und hat Interesse an unserem Produkt bekundet. Der Konzern ist in der Branche für Zukäufe bekannt und hat von Beginn an auch keinen Hehl daraus gemacht, dass die einzige Option für sie bei Interesse unsererseits eine Übernahme von 100% der Gesellschaftsanteile sei.

Wie war dann der zeitliche Ablauf?

Nach dem ersten Treffen im Sommer kam es nach einer Pause zu einigen weiteren Meetings, bevor wir uns im September auf einen vorläufigen Kaufpreis einigen konnten. Daraufhin haben wir Ende September eine Absichtserklärung unterschrieben und sind unmittelbar in die Due Diligence und anschließende Kaufvertragsverhandlung gegangen. Gemeinsam mit Betsson haben wir uns dafür einen extrem engen Zeitplan auferlegt, der trotz harter Verhandlungen dank hoher Professionalität beider Parteien in allen Belangen eingehalten werden konnte. Auf RaceBets-Seite gilt Moritz Honig hier ein besonderer Dank, der sehr viel zu diesem exzellenten Ablauf beigetragen hat.

Warum hat Betsson dieses große Interesse an RaceBets?

Betsson bietet aktuell auf über 20 Webseiten ein gigantisches Online Angebot im Gaming-Bereich an: von der Sportwette, über Bingo, Casino-Spielen bis hin zum Rubbellos. Nur eben keine Pferdewette. Und genau diese braucht ein Anbieter, der in England Erfolg haben will. Ulrik Bengtsson, CEO von Betsson, hat uns nach der Unterschrift offen gesagt, dass sie Probleme hatten, ein eigenes Pferdewett-Produkt zu entwickeln. Man wollte nun keine Zeit mehr verlieren, richtig im englischen Sportwetten-Markt angreifen zu können.

Und warum dann gerade ausgerechnet RaceBets?

Nach unserem Vernehmen hat Betsson zahlreiche Pferdewett-Anbieter unter die Lupe genommen und kam zu dem Ergebnis, RaceBets habe das mit Abstand beste Produkt am Markt. Abgesehen davon war es wohl von wesentlichem Vorteil, dass RaceBets in England nicht nur über eine Lizenz, sondern auch eine nicht unerhebliche Präsenz im Markt verfügt. Unser strategischer Hintergedanke bei der risikoreichen Entscheidung für einen Markteintritt in England im Jahr 2012, nämlich für potentielle Käufer interessanter zu werden, ging also voll auf.

Ist das so zu verstehen, dass also seit 2012 auf einen Verkauf hingearbeitet wurde? Man sah sich doch als Partner des Rennsports?

Wir haben nie speziell auf einen vollständigen Verkauf hingearbeitet, es gab auch andere Visionen. Dass es nun letztlich zu einem Verkauf von 100% der Anteile gekommen ist, ist einfach dem sehr guten Angebot von Betsson geschuldet. Abgesehen davon gab es natürlich auch weitere Gründe, aus denen wir uns beispielsweise für den Eintritt in den englischen Markt entschieden haben. Bei Berücksichtigung des regulatorischen Umfelds in dem wir uns bewegen, ist man aus unternehmerischer Sicht sehr gut beraten, nicht nur auf einen einzelnen Markt zu setzen. Der Rennsport hat unsere Strategie immer mitgetragen, ging es ihm logischerweise maßgeblich um eins: Gewinnmaximierung für die jährlichen Ausschüttungen. Wäre unser primäres Ziel ein Verkauf gewesen, hätten wir über die Jahre niemals so viel Geld ausschütten dürfen, sondern viel aggressiver in unser Wachstum im Ausland investieren müssen.

Wie kam der stolze Kaufpreis von 40 Millionen Euro zu Stande?

Wir haben von der ersten Sekunde der Verhandlung an klar zum Ausdruck gebracht, dass ein Verkauf nur zu einem ordentlich zweistelligen Multiple (EBIT-Kaufpreis-Verhältnis) in Frage kommt, da unsere finanziellen Kennzahlen nicht für einen Verkauf vorbereitet waren. Betsson, die bei vorigen Käufen Multiples im mittleren einstelligen Bereich bezahlt haben, musste da erst einmal schlucken. Die Integration unseres Produktes auf den Betsson-Plattformen könnte aber binnen kürzester Zeit eine Verdopplung, wenn nicht gar Vervielfachung von Umsatz und Ergebnis bedeuten. Es war also eine strategische Entscheidung des Käufers, dieses hohe Multiple nach sehr harten Verhandlungen dann doch zu akzeptieren.

Welche Rolle hat der deutsche Galopprennsport bei diesen Verhandlungen geführt?

In den Verhandlungen über den Preis oder sonstige Details war der Rennsport selbst nicht involviert. Albrecht Woeste, der ja auch unserem Beirat vorsitzt, war aber immer voll im Bilde und stand uns, wie später dann auch Manfred Ostermann, beratend zur Seite. In der finalen Phase hat sich der Rennsport dann noch von Herrn Hagelgans beraten lassen, der RaceBets durch seine langjährige Funktion als Beirat bestens kennt. An dieser Stelle aber ein spezieller Dank an Herrn Woeste für die jahrelange vertrauensvolle Zusammenarbeit. Jedes Treffen mit ihm war eine Bereicherung und ich bin sehr dankbar, wie viel ich von ihm lernen durfte. Wir sehen es als Ehre an, ihn an unserer Seite gehabt zu haben aber sicherlich auch weiter zu haben. Man kann nur den Hut ziehen, mit welcher Akribie, Ehrgeiz und Elan er sich in seinem Alter für den Rennsport einsetzt. Albrecht Woeste ist ein Segen für den Sport und ich hoffe, dass er doch länger als geplant dabeibleibt und bald ein neues Team unter sich in eine bessere Zeit führen wird.

Wie sind die genauen Anteile aktuell verteilt?

Der deutsche Galopprennsport hält über die DVR Wettbetriebs GmbH knapp 40% an der Bettertainment GmbH, der Muttergesellschaft der nun zu veräußernden RaceBets International Limited. Die restlichen 60% liegen bei den Gründern, meinen beiden Partnern Moritz Honig und Patrick Byrne sowie mir.

Wird der Unternehmenssitz wechseln?

Während die börsennotierte Holdinggesellschaft Betsson AB ihren Sitz in Stockholm hat, ist das Gros ihrer knapp 2000 Mitarbeiter auf Malta stationiert. Wie der Zufall es will, knapp 200 von diesen sogar bereits jetzt im selben Gebäude, in dem RaceBets heute schon seinen Sitz hat. Malta ist bekanntlich ein exzellenter Standort für Unternehmen der Gaming Branche. Nicht nur ist es eine kleine, schöne Insel mit den meisten Sonnentagen in ganz Europa jährlich, sondern bietet ein hervorragendes regulatorisches und professionelles Umfeld sowie entsprechend qualifiziertes Personal aus aller Welt. Genau aus diesem Grund sind wir einst nach Malta gegangen und unter den heute gut 60 RaceBets-Mitarbeitern sind weniger als zehn Deutsche.

Wie ist der deutsche Rennsport seinerzeit überhaupt an die Anteile gekommen, die ihm nun einen zweistelligen Millionenbetrag einbringen?

Ein besonderer Dank gilt hier mit Sicherheit in erster Linie meinem langjährigen Freund und Wegbegleiter Paul von Schubert, ohne dessen risikofreudige Finanzierung der Idee im Jahr 2005 es die Firma RaceBets vermutlich nicht gegeben hätte. Die Familie von Schubert hat sich im Jahr 2010 entschieden, dem ja schon damals in Schieflage geratenen Rennsport den versäumten Einstieg in das ertragreiche Buchmachergeschäft zu ermöglichen, indem sie ihre Unternehmensanteile an den Rennsport veräußert hat. Der Preis für die Anteile waren damals für meinen Begriff faire 3 Mio. Euro. Der Rennsport hat aus diesem Investment dank der hervorragenden Entwicklung von RaceBets in den letzten fünf Jahren nun sage und schreibe bis zu 16 Mio. Euro erlöst – und das ohne Berücksichtigung der ihm in der Zwischenzeit schon zugeflossenen Ausschüttungen in mittlerer Millionenhöhe. Im Idealfall hat der Rennsport durch RaceBets also über 20 Mio. Euro eingenommen. Das macht die Familie von Schubert indirekt zu seinem größten Unterstützer der letzten Jahrzehnte.

Wie kam der deutsche Rennsport damals an die 3 Millionen Euro, die für das Investment in RaceBets notwendig waren?

Wir alle erinnern uns denke ich noch gut an den Einsatz von Heike Bischoff-Lafrentz und ihrer Familie im Jahr 2009, als es darum ging, die knapp über 4 Millionen Euro Kapital für die Strukturreform einzusammeln. Viele haben das Vorhaben belächelt und für den Einstieg des Rennsports in das Buchmachergeschäft mussten die Entscheider viel Kritik einstecken. Umso mehr kann sich jetzt jeder freuen und als Gewinner dieses Deals sehen, der damals investiert hat. Egal mit welchem Betrag. Die 396 Unterstützer haben dem Rennsport eine neue Chance gegeben. Ich hoffe, dass die, die schon damals Mut bewiesen haben, ihre Mittel in eine hoffentlich bald kommende „Strukturreform 2017“ reinvestieren, und alle, die damals nicht zu überzeugen waren, dann auch dabei sind.

Welche Auswirkungen hat der Verkauf auf das operative Geschäft von RaceBets?

Für unsere Kunden ändert sich rein gar nichts. Da RaceBets aber mit Sicherheit vom Know-How eines solchen Branchenschwergewichts wie Betsson profitieren wird, können sich unsere Kunden im Jahr 2017 auf neue Funktionen und tolle Aktionen freuen.

Muss der Rennsport fürchten, dass Betsson das Vermittlungsvolumen in den deutschen Totalisator negativ verändern wird?

Im Gegenteil. Uns war bei unserer Verhandlung extrem wichtig, dafür zu sorgen, dass der Rennsport auch in Zukunft unterstützt wird. Bekanntlich ist RaceBets schon seit Jahren der größte aller Vermittler in den deutschen Totalisator. Und wir werden diese Position ausbauen. In 2017 wird RaceBets mehr Geld in den Toto vermitteln als dieses Jahr. Das verspreche ich. Auch eine Vergrößerung des Sponsoring-Volumens auf deutschen Rennbahnen ist sehr gut vorstellbar.

Also ist der Verkauf von RaceBets für den Rennsport nur positiv – gibt es gar keinen Haken?

Der deutsche Galopprennsport ist der große Gewinner dieses Deals. Der Rennsport befindet sich in einer extrem schlechten Phase und es bedarf dringend struktureller Änderungen. Es muss jetzt gehandelt und nachhaltig investiert werden. Das Geld kommt genau zur richtigen Zeit. Aber jetzt kommt auch schon der Haken: Genau diese Investitionen wollen gut überlegt sein. Und vor allem auch, wer die Entscheidung über sie fällen darf. Der Rennsport kann nicht mehr geführt werden, wie es aktuell der Fall ist. Eine neue Struktur muss her, etwa wie bei der Deutschen Fußballliga, wie Gregor Baum es in Hannover gefordert hat. In allen Bereichen sollten neue Entscheider, die auch wirklich mit entsprechender Entscheidungsgewalt ausgestattet sind, installiert werden.

Sie sagen: „Der deutsche Galopprennsport ist der große Gewinner dieses Deals.“ Die großen Gewinner sind doch eigentlich Sie und Ihre beiden Kollegen, oder?

Eines vorneweg: Gewinner ist bei einem solchen Deal natürlich jeder, der beteiligt ist. Denn wir haben für ein tolles Produkt einen tollen Preis bekommen. Grundsätzlich bleibe ich aber auch dabei, dass der Rennsport der große Gewinner dieses Deals ist. Und zwar wegen des Zeitpunkts. Wir drei hätten die Firma noch deutlich größer machen, international um die Sportwette erweitern und in wenigen Jahren einen noch höheren Preis erzielen können. Uns dreien ging es glücklicherweise finanziell schon vorher gut und somit hatten wir absolut keinen Druck, jetzt zu handeln. Wir sind alle jung und voller Tatendrang. Der Rennsport hingegen muss genau jetzt aufwachen. In ein paar Jahren wäre das zu spät. Mit der jährlichen Ausschüttung ist dem Sport mittelfristig nicht geholfen. Das sehen wir doch aktuell bereits. Überall brennt es. Da hilft auch die jährliche siebenstellige Ausschüttung von RaceBets nichts. Jetzt muss der Grundstein für den ganz großen und letzten Wurf gelegt werden. Und dafür braucht man mehr Geld. Das ist jetzt da.

Wurden die Anteile an der Pferdewetten.de AG ebenfalls veräußert?

Rund 6% der Anteile an der Pferdewetten.de AG werden aktuell von der Bettertainment GmbH gehalten, die selbst nicht an die Betsson AB veräußert wird, sondern im Besitz ihrer jetzigen Eigentümer bleiben – damit auch zu 40% im Besitz des Rennsports.

Wie lange bleiben Sie selbst bei RaceBets an Bord?

Meine Partner, denen ich an dieser Stelle noch einmal für die sensationelle Zusammenarbeit und Freundschaft danken möchte, und ich, haben uns gerne bereiterklärt, dem neuen Eigentümer für mindestens 12 weitere Monate beratend zur Seite zu stehen. Gerade für die Erreichung des variablen Kaufpreisanteils von 6 Millionen Euro, von dem ja auch den Rennsport profitieren würde, ist es wichtig, dass wir drei auch in 2017 Vollgas für RaceBets geben.

Welche Zukunftsplanungen gibt es? Vorzeitiger Ruhestand? Mehr Pferde?

Wie gesagt, 2017 heißt es weiter volle Konzentration auf RaceBets. Nebenher werde ich mich wieder mehr um GaloppOnline kümmern können, worauf ich mich freue. Moritz Honig hat mit damals 14 Jahren die erste Version von GaloppOnline programmiert und wer weiß, vielleicht setzen wir uns beide gemeinsam an eine neue Sache. Ich habe andere den Galopprennsport betreffende Projekte in der Schublade und freue mich darauf Zeit zu finden, neue Ideen in die Realität umzusetzen. Und dann müssen natürlich neue Pferde her. 2016 habe ich nur als Züchter Rennen gewinnen können, als Besitzer bin ich sieglos geblieben und eine Platzierung im Bremer Derby Trial war dann auch schon das Highlight. Das ist natürlich viel zu wenig und das muss 2017 unbedingt besser werden.

(12.12.2016)