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Coolmoore vs. Godolphin: Der ewige Galopp-Fight

Frühjahr 1984: Als der Privatjet durch den arabischen Himmel jagte, hielten drei Männer an Bord Kriegsrat. Trainerlegende Vincent O‘Brien, sein Schwiegersohn und Coolmore-Mitbesitzer John Magnier und Robert Sangster, zu diesem Zeitpunkt einer der weltgrößten Besitzer. Sie befanden sich auf dem Weg nach Dubai, zu einem Treffen mit ihrem schärfsten Konkurrenten um die Vormachtstellung im Vollblutgeschäft; Sheikh Mohammed bin Rashid Al Maktoum. Kurz vor der Landung lagen die riesigen Ölfelder von Abu Dhabi unter dem Jet, sie erinnerten das Trio daran, wie hoch die Herrscherfamilie von Dubai in diesem „Vollblut-Spiel“ pokern konnte.

Auf dem Weg vom Flughafen zum königlichen Palast bemerkten die Gäste aus Irland, dass alle Ampeln auf Grün gestellt waren. Ihr Gastgeber war ein Mann, für den die Alltagsregeln nicht gelten und der nicht gerne wartet, wenn er etwas will. Aber die Herren O’Brien, Magnier und Sangster waren erpicht auf ein Treffen mit Sheikh Mohammed, denn der Wahnsinn musste ein Ende haben.
Gemeint war die letzte Begegnung dieser Herren rund acht Monate zuvor.

Im Juni 1983 war es zu einem der „heißesten“ Bieterduelle in der Geschichte am Auktionsrund in Kentucky, dem Zentrum der US-amerikanischen Rennsportindustrie, gekommen. Es ging um Katalog-Nummer 308, ein Hengst von dem Champion-Vererber Northern Dancer und My Bupers.

Zwei Seiten wollten ihn haben: Sheikh Mohammed auf der einen und das Trio aus Irland auf der anderen Seite. Der Kampf begann bereits bei einer Million Dollar. Innerhalb von einer Minute lag das Gebot von Sheikh Mohammed bei 4,5 Millionen Dollar, der aktuelle Höchstpreis war damit bereits überschritten.

Doch O’Brien, Magnier und Sangster hielten dagegen, in 100.000 Dollar-Schritten ging es in Windeseile weiter. Sechs, sieben, acht und neun Millionen leuchteten auf der Anzeigentafel auf, niemand traute sich mehr nur ein Wort zu sagen. Als das Trio aus Irland mit 9,5 Millionen Dollar am Zuge war, schien Sheikh Mohammed zu zögern. Doch nur einen etwas längeren Augenblick, dann legte er wieder eins drauf. Schließlich rafften sich O’Brien, Sangster und Magnier auf und hoben die Hand, 10 Millionen Dollar!

Ein Beifallssturm brach aus, die Anzeigentafel war auf einmal zu klein für die vielen Nullen. Doch Sheikh Mohammed zuckte noch nicht einmal, er erhöhte auf 10,2 Millionen Dollar. Das Trio aus Irland schüttelte die Köpfe, machten dem „Wahnsinn“ ein Ende und verließen den Ring.

Dass der 10,2 Millionen-US-Dollar Zuschlag mit dem späteren Namen Snaafi Dancer zu einer Null-Nummer - er kam nie an den Start und war auch noch unfruchtbar - avancierte, sei nur der Vollständigkeit halber dieser Geschichte erwähnt.

Aber auch Sheikh Mohammed blieb nicht am Auktionsring, um seinen „Sieg“ auszukosten. Er eilte zu seiner wartenden Boeing, denn ihm war klar, dass kein Pferd der Welt einen solchen Preis rechtfertigen konnte. Im Grunde wollte der Mann wohl nur demonstrieren, dass er mit seinen Öl-Dollars den längeren Atem hat.

Als Sheikh Mohammed zu Beginn der Achtziger Jahre anfing, das ganz große Rad im Vollblutsport – vor allem auf den Auktionen – zu drehen, hatten die erwähnten drei Herren aus Irland bereits einiges bewegt und dem späteren Coolmore Stud den Weg für ein weltführendes Gestüt geebnet.

Mitte der Siebziger Jahre hatte man gemerkt, dass das große Geld nicht mehr nur im Kauf von Pferden, die großen Rennen gewannen, zu machen war, sondern in der Zucht. Insbesondere in den USA explodierten die Preise, die Syndikatisierung der Deckhengste brachte Millionen. Der junge John Magnier war es damals gewesen der die richtige Vision hatte. Man kaufte Jährlinge in den USA, ließ sie in Irland trainieren und schickte sie bei entsprechendem Erfolg zur Syndikatisierung wieder in die USA zurück.

Immerhin investierte man für diese Idee 1975 auf der Kentucky-Jährlingsauktion für 1,8 Millionen Dollar in Jährlinge. Darunter war ein Dreiviertelbruder zu Nijinksy, er hieß The Minstrel. Wenn man so will, dann war es dieser Northern Dancer-Sohn, der das Karussell so richtig in Fahrt brachte.

Mit Lester Piggott im Sattel gewann er das Epsom Derby mit Nüsternbreite, siegte dann im irischen Pendant und auch in den „King George“. Nach Beendigung seiner Rennlaufbahn wurde The Minstrel für neun Millionen US-Dollar syndikatisiert, keine schlechte Rendite für einen Hengst, der als Jährling 200.000 Dollar gekostet hatte. Auch der doppelte Arc-Sieger Alleged zählte 1975 zu den USA-Ankäufen von Vincent O’Brien, John Magnier und Robert Sangster, ihre Pläne waren aufgegangen.

Mit dem Einstieg von Sheikh Mohammed begann dann, wie erwähnt, zu Beginn der Achtziger Jahr das „Wahnsinns-Wettrennen“ auf den Auktionen. Mit dem Besuch der drei Herren aus Irland – ihnen war längst klar, dass sie gegen eine ganze Nation bieten - im Frühjahr 1984 in Dubai wollte man diese Blase zum platzen bringen. „Der Wahnsinn muss ein Ende haben“, so soll sich Vincent O‘Brien im Vorfeld zu diesem Wüstenbesuch gegenüber Sheikh Mohammed geäußert haben. Der Rennsport-Gipfel in Dubai wurde natürlich hinter verschlossenen Türen abgehalten.

Der Presse wurde lediglich mitgeteilt, dass sich Sheikh Mohammed an einigen Pferden, die das Trio zuvor gekauft hatte, beteiligt habe. Fakt ist auch, dass die beiden beteiligten Gesprächspartner in den nächsten Jahren nie mehr gegeneinander boten.

Robert Sangster verkaufte später wohl noch Cape Verdi und Balanchine und somit zwei klassische Siegerinnen an Sheikh Mohammed.

Dieser Friedenspakt ließ die Auktionsblase in der US-amerikanischen Rennsportindustrie in der Tat platzen. So ging zum Beispiel ein Traditionsgestüt wie die Calumet-Farm, die immerhin sieben Kentucky-Derby-Sieger züchtet, mit 100 Millionen Dollar bankrott.

Das zu den Anfängen der großen Rivalen Coolmore und Darley. Längst hat man es nicht mehr nötig, in den USA Jährlinge zu kaufen, in Europa zu statonieren und später wieder in die USA zu schicken, wo man auf eine erfolgreiche Stallionskarriere zielt. Die Montjeus, Galileos, Shamardals, Dubawis, etc. wurden in Europa gezogen, bestritten hier ihre Rennlaufbahn und machen in Europa als Deckhengst große Karriere und große Kasse.

Sheikh Mohammed und John Magnier als Boss des Coolmore-Unternehmens verfolgen unverändert ein Ziel: Die Nummer eins im Rennsport zu sein. Insider bestätigen, dass durchaus ein Meinungsaustausch zwischen den beiden führenden Gestüten stattfindet, doch die beiden Kapitäne, die sollen unverändert nicht miteinander kommunizieren.

(08.12.2011)