Top-Story

Das große Glück mit der Frankreich-Spezialistin

Im Buchmachergeschäft auf der Kölner Rennbahn hielt es an diesem Samstagnachmittag keinen mehr auf den Sitzen, die finalen Szenen des Prix de la Ville Sauternes, einem Tierce-Rennens über die Meile in Deauville ließ den Adrenalinspiegel einiger Anwesenden in ungeahnte Höhen steigen. „Sculpted hat schon wieder gewonnen”, meldete sich kurze Zeit später die Besitzerin Bärbel Schreiner Bohlen überglücklich am Handy, „Wir hängen noch einen Tag Urlaub hier in Deauville dran, die Luft ist so gut”. Siegerluft tut immer gut, und man muss dabei an Hartmut Steguweits Ankündigung im Frühjahr 2005 denken: „Die Stute hat Potenzial, die wird uns noch sehr viel Freude bereiten”.

Der Daueroptimist und Trainerfuchs Steguweit hatte mal wieder Recht behalten. Sprach man den Coach auf Sculpted an, wurde dieser nicht müde, die Bezeichnung Rennpferd in den Mund zu nehmen. Sculpted, eine fünfjährige Tochter des Prix Morny-Siegers und irischen Guiness-Dritten Orpen (Castle Hyde Stud, Irland - 8000 Euro Decktaxe) wurde von Jahr zu Jahr immer besser.

Vor allem in der aktuellen Saison zeigte die braune Stute, aus welchem Holz sie geschnitzt ist. Dem Frankfurter Aufgalopp (4.) im April folgte ein Sieg während des Badener Frühjahrsmeetings im Ausgleich II, dann versuchte man es in einer Tierce-Prüfung in Longchamp (4.), erstmals unter dem Shooting-Star der französischen Jockeyszene, Johan Victoire.

Der 19-Jährige hat zuletzt während der Horner Derbywoche sehenswerte Kostproben seines reiterlichen Könnens gezeigt, mit Sculpted gelangen dem bei Meistertrainer Andre Fabre beschäftigten Jockey Husarenritte auf der Fünfjährigen und das innerhalb von drei Wochen, erst in Chantilly dann in Deauville am vergangenen Samstag. 22.560 Euro pro Erfolg und eine französische Besitzerprämie in Höhe von 48 Prozent des Siegpreises waren der Lohn für Geduld und einen vorsichtigen Aufbau der Fünfjährigen.

„Schon im Schlussbogen hatte ich ein Riesengefühl, dann wurde die entscheidende Lücke in der Geraden zwar immer enger, aber sie hat sich vehement Platz verschafft, ohne Angst in eine Lücke hinein, die eigentlich keine mehr war, der Rest war Speed pur”, analysierte Victoire voller Hochachtung. Inzwischen stehen sieben Siege und acht Plätze auf der Habenseite der Stute, über 110.000 Euro hat die Lady eingaloppiert, inklusive aller französischer Besitzerprämien.

Ein bemerkenswerter Höhenflug, der mit dem Namen Steguweit eng verbunden ist. „Eigentlich wollte ich ja einen Wallach als Amateurpferd haben, ein Typ wie Murmansk sollte es sein, ein Fuchs eben”, erinnert sich Sculpted-Besitzerin Bärbel Schreiner-Bohlen. Die 42-jährige Industriekauffrau verdient ihre Brötchen bei einem großen Kölner Automobilhersteller, in der Freizeit steht Sculpted sechsmal die Woche im Mittelpunkt, vor der Arbeit und nach der Arbeit.

Eine 1-A Betreuung eben, und das unter den wachsamen Augen des Trainers Hartmut Steguweit, dazu gehören nicht zuletzt endlose Schmuse- u. Pflegeeinheiten, die Stute dankt es offensichtlich mit Topleistungen. „Ich hatte eigentlich schon immer ein Faible für Vollblüter, in Köln ritt ich fünf Jahre bei Peter Remmert, kam nach Stationen bei dessen Bruder Harro und Andreas Löwe mit Hartmut Steguweit in Kontakt.

Der treue Murmansk erfreut sich heute übrigens als Freizeitpferd im Westerwald bester Gesundheit, er lief leider nur einmal für uns in Neuss auf Sand, aber mit ihm fing alles an”, erinnert sich die seit drei Jahren mit einer Besitzertrainerlizenz ausgestattete Amateurin.

Im Spätherbst 2004 war dann auch ihr Ehemann Norbert Bohlen (58), erfolgreicher Messe- und Ladenbauunternehmer aus Köln, längst vom Turfvirus seiner Frau infiziert. Man spannte den Hänger hinter den Wagen, fuhr kurzerhand mit Freunden zu den Mixed Sales nach Deauville: Gesucht wurde ein Fuchswallach: Kostenpunkt nicht mehr als 3000 Euro, ein Amateurpferd eben für die eigene Hausbahn in der Eifel.

„Kurz vor 11 Uhr, es goß in Strömen am Samstagmorgen, fiel der Hammer unmittelbar vor der Pause, für einen mittleren vierstelligen Betrag. Zwei Franzosen stritten sich über das Gebot, den Zuschlag bekam ich, während meine Frau auf der Toilette war, das Ergebnis etwas überraschend, zugegeben: eine braune Stute namens Sculpted, in deren Temperament ich mich bei der Besichtigung zuvor sofort verliebt habe”, erinnert sich Bohlen.

„Die Rückfahrt war dann weniger liebenswert, denn den Hänger hätte sie fast auseinander genommen. Im Übrigen wirkte sie energiegeladen wie ein Hengst, war schwierig zu händeln, und früh stand fest: Wir haben zwar ein Pferd gekauft für kleines Geld, jedoch weder ein einfaches noch ein Amateurpferd.

Überraschenderweise stellte sich später heraus, das Sculpted bereits als Jährling durch den Ring gegangen war, Trainer Capitte legte damals stolze 77.000 Euro auf den Tisch. Irgendwo musste doch ein Haken sein an der Geschichte, doch dieser stellte sich Gott sei Dank nicht ein. Was nun? Ein Profi musste her.

Der Zufall wollte es, dass Hartmut Steguweit auf den Plan trat, der heute 58-jährige war gerade wieder zuhause an den Rhein angekommen, dort, wo seine Rennsportkarriere vor mehr als vierzig Jahren im Vorzeigegestüt Röttgen begann. Er hatte gerade seine Zelte in Neuss abgebrochen, wechselte in die Domstadt um ein Engagement bei Theo Hodinius (Stall Hof Valentin) auf der Kölner Rennbahn bekommen.

Für Steguweit ging damit Anfang 2004 gleichzeitig ein Traum in Erfüllung, Trainer im Weidenpescher Park zu sein, wenn auch mit nur drei Pferden. Dauerbrennerin Ingold, der gute Handicapper Gironella und „sein” Rotteck, Idee Hansa-Preis Sieger und guter Zweiter im Badener Frühjahrs-Grand Prix zu Touch of Land 2004 machten den Neubeginn mit.

Das aktuelle Aushängeschild Sculpted wird natürlich von Start zu Start interessanter, nicht zuletzt für die Zucht. „Das französische Schulterklopfen hat schon spürbar zugenommen. Ich hoffe, dass die Stute noch einige Zeit bei mir im Training bleibt. Wenn jedoch das Angebot stimmt, ist alles möglich. Sie hat das Rennen übrigens bestens weggesteckt, war gleich an der Krippe. Wir liebäugeln nun mit einer Listenaufgabe im In - oder Ausland. Das Ende der Fahnenstange ist bei ihr jedenfalls noch nicht erreicht”, ist sich der Trainer sicher.

Wir sitzen im Büro und plötzlich sprudelt es aus Steguweit heraus: „Schreiben Sie auch, dass ich Herrn Hodinius sehr dankbar bin, diese Chance erhalten zu haben, hier zu trainieren”. Der Name Hodinius ist im Übrigen in Kölner Rennsportkreisen allgegenwärtig.

Der erfolgreiche Maschinenbauunternehmer aus Nörvenich übernahm 2004 den Accento-Rennstall von Ralf Suerland und nannte den Komplex fortan Rennstall Hof Valentin. Bereits seit 1980 mischt Hodinius in der Vollblutszene mit, 1996 belegte sein dreijähriger Hengst Kavin einen siebten Rang im Lavirco-Derby. Daneben unterhält der rennsportverrückte Fünfzigjährige ein liebevoll geführtes Gestüt in Kerpen-Blatzheim vor den Toren Kölns. Fünf Mutterstuten sorgen auf großflächigen Koppeln für die Nachzucht.

Als Mitglied des Kölner Rennvereins ist Hodinius ebenso als engagierter wie passionierter Unterstützer des Sports bekannt. Lebensgefährtin Christina Pfitzner, Steuerfachfrau und Bilanzexpertin, ist die starke Frau im Hintergrund, die den Rennstall bilanztechnisch zusammenhält.

Daneben beweisen vor allen Dingen Jaro Saradin, Libor Slamenik und Sarah Hellier, dass ein gut funktionierendes Team im Rennstall die Grundlage für zukünftigen Erfolg ist. Neun Vollblüter stehen aktuell auf der Trainingsliste bei Steguweit. „Ich denke, wir machen hier einen guten Job und einige Boxen sind auch noch frei”, fügt der Trainer mit einem Augenzwinkern an.

„Den Rennstall brauche ich im Übrigen wie die Luft zum Atmen”, gibt der Trainer unumwunden zu, „das ist das Lebenselexier, aus dem ich die Kraft schöpfe.”

Denn auch Tiefschläge kennt Steguweit zu genüge, aber aufgestanden ist er immer. Ob das wie zuletzt der Weggang von Rotteck war, der übrigens seitdem nicht mehr an der Öffentlichkeit erschienen ist oder ein überstandener Schlaganfall, den er vor vier Jahren erlitt, all dies haben den Wahl-Kölner nicht aus der Bahn geworfen.

Therapien, die mit Sprach- und Schluckübungen einhergehen, helfen wieder Fuß zu fassen. Auch wenn der Gang noch etwas hölzern wirkt, geht der Trainer doch offensiv mit der Krankheit um, aufrecht nach vorne blickend und täglich seinen Mann stehend, hin und wieder auch etwas lauter agierend, so kennt man ihn halt. „Ich sehe mich selbst als Trainer der alten Schule, habe beim legendären Adrian von Borcke gelernt, da muss der Rennstall picobello sein, dabei stehen die Pferde immer im Mittelpunkt, noch vor den Besitzern”.

Klangvolle Namen wie Prince Ippi, Philipo, Grauer Wicht, A Magicman, Rotteck oder nun Sculpted haben Hartmut Steguweit in seiner mehr als 40-jährigen Karriere begleitet. Und bald steht der 300. Sieg vor der Tür. Träume hat der in Kassel geborene Endfünfziger, der als Reisefuttermeister bis 1981 für das Kölner „Duftwassergestüt” agierte, auch.

„Röttgener Pferde und einen Nachkommen des besten Rennpferdes, das ich je trainiert habe, A Magicman, hätte ich liebend gern unter meinen Fittichen”. Und beim Durchschreiten der blitzsauberen Boxengasse nimmt einen der Daueroptimist Steguweit plötzlich auf die Seite und zeigt auf einen Fuchs: „Haben Sie übrigens sein Debut in Frankfurt gesehen. Ich glaube, das ist einer. Mit dem werden wir noch viel Freude bekommen”.

(04.08.2006)