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Das Jahr der Superstars

Das Jahr 2009 war geprägt durch einige außergewöhnliche Pferde, die – aus Sicht vieler Rennsportfreunde und Kommentatoren – einen Vergleich zu Größen vergangener Zeiten geradezu herausfordern. In diesem Zusammenhang sind auch die offiziellen Ratings der Ausgleicher dazu benutzt worden, um die besten Pferde des Jahres 2009 mit den besten Pferden vergangener Zeiten zu vergleichen.

Dabei ist nicht selten die Richtigkeit der aktuell veröffentlichten Zahlen insoweit in Zweifel gezogen worden, als die Zahlen für die besten Pferde des vergangenen Jahres, insbesondere diejenige für den großartigen irischen Hengst Sea The Stars, nicht in ausreichendem Maße mit dem Eindruck vieler Rennsportfans zu vereinbaren sind, wonach man noch nie ein besseres Rennpferd gesehen hat als dieses.

Der erste offizielle Schritt zu einem internationalen Handicapper-Forum wurde im Jahr 1977 getan, als Großbritannien, Frankreich und Irland überein kamen, eine „International Classification“ zu erarbeiten, vor allem zur Qualitätskontrolle der einige Jahre zuvor eingeführten Grupperennen. Seitdem haben sich zu verschiedenen Zeitpunkten eine ständig steigende Zahl von Ländern diesem Vorhaben angeschlossen, bis daraus schließlich im Jahre 2004 unter dem Patronat der „International Federation of Horseracing Authorities (IFHA)“ die „World Thoroughbred Racehorse Rankings (WTR)“ entstanden sind, die von einem wahrhaft globalen Handicapping Committee erstellt wird, dem derzeit Ausgleicher aus vierzehn Ländern angehören: Großbritannien, Irland, Frankreich, Deutschland, Italien, USA, Kanada, Südafrika, Vereinigte Arabische Emirate, Japan, Hongkong, Singapur, Australien, und Neuseeland. Hinzu kommen noch Beobachter, derzeit aus Korea, der Türkei, Qatar und Argentinien.

Rückschauend betrachtet, kann es keinem Zweifel unterliegen, dass das Niveau der Ratings im Zuge der Entwicklung seit 1977 nicht gleich geblieben ist, sondern aus verschiedenen Gründen ein stufenweiser Niveau-Abfall stattgefunden hat. Wer also Vergleiche über die besten Rennpferde aus verschiedenen Epochen anstellt, sollte dies berücksichtigen. Ein gewisses Missverhältnis im Vergleich zu den heutigen Zahlen ist insbesondere in den ersten zehn Jahren seit 1977 festzustellen. Es ist durchaus fraglich, ob Pferde wie zum Beispiel Dancing Brave (140, 1986), Alleged (140, 1978), Shergar (140, 1981) oder El Gran Senor (138, 1984) diese hohen Ratings auch heute noch erreicht hätten.

Es gibt grundsätzlich zwei Wege, wie ein Rennpferd zeigen kann, wie gut es ist: Zum einen kann es seine Gegner völlig beherrschen und mit einem großen Vorsprung gewinnen. Zum anderen aber kann ein Pferd ein hohes Rating erreichen, indem es ein Feld von möglichst vielen hochkarätigen Gegnern schlägt. Für den ersten Fall dürfte Shergar ein Beispiel sein, der stets mit großem Vorsprung gewann, für den zweiten Fall Dancing Brave, der 1986 im Prix de l‘Arc de Triomphe ein Reihe außergewöhnlich qualitätsvoller Gegner in beeindruckendem Stil besiegte.

Daneben gibt es allerdings eine Art von Rennpferden, die weder das Glück haben, einem außergewöhnlich guten Jahrgang anzugehören, noch aufgrund ihrer minimalistischen Veranlagung in der Lage sind, ihre Rennen mit großem Vorsprung zu gewinnen. Diese Pferde tun in der Regel nicht mehr als nötig, um zu gewinnen. Gerade in letzter Zeit hatten wir das Glück, mehrere außergewöhnliche Pferde mit eben dieser Veranlagung erleben und bewundern zu dürfen: Die französische Stute Zarkava, der irische Hengst Sea The Stars und die amerikanische Stute Zenyatta beendeten ihre Rennkarriere ungeschlagen oder mit nur einer Niederlage (Sea The Stars, beim Debüt als Zweijähriger). Jeder ihrer Siege, egal gegen welche Gegner, kam auf ähnlich souveräne Art und Weise zustande. In jedem Rennen zeigten sie eine Überlegenheit, die in dem Abstand, der sie im Ziel vom Zweitplatzierten trennte, nur ungenügend zum Ausdruck kam.

Ein Ausgleicher kann die Leistung eines Pferdes, das ausgeritten wird, in der Regel sicher berechnen. Bei Siegern aber, die „händevoll“ gewinnen, ist dies weitaus schwieriger. In Handicap-Rennen ist der Ausgleicher häufig gefordert, einen überlegenen Sieg, auch wenn er knapp ausfällt, mit soviel Aufgewicht zu bedenken, dass der Zweck des Ausgleichens erreicht wird. (Nämlich jedem Pferd zukünftig die gleiche Chance auf einen Sieg zu geben.) Verfährt er in den großen Rennen ebenso, gerät er aber leicht in Gefahr, sich Vorwürfen wie Willkür und Subjektivität auszusetzen, denn er soll schließlich nur das bewerten, was das Pferd tatsächlich „gezeigt“ hat und nicht, was hätte sein können, wären nur die Gegner besser, der Rennverlauf ein anderer oder der Reiter energischer im Nachhausereiten gewesen.

Mag das Niveau der Ratings und der „modus operandi“ der Ausgleicher im Laufe der Zeit auch Veränderungen unterworfen gewesen sein, die grundsätzliche Aufgabe der Classification hat sich nicht verändert und wurde vom vormaligen Vorsitzenden des International Classification Committees, Geoffrey Gibbs, in einem Vorwort zur Veröffentlichung der Classification im Jahre 1996 wie folgt formuliert:

„Viele Leute sind der Auffassung, ein Rating bilde die absolute, einem bestimmten Rennpferd innewohnende Leistungsfähigkeit ab und die Classification entspreche der qualitativen Bewertung der Vollblutzucht eines Jahres. Diese Sichtweise ist nicht zutreffend. Ein Rating trifft heute vor allem eine Aussage über das Leistungsverhältnis derjenigen Pferde, die gegeneinander gelaufen sind, und nur unter bestimmten Umständen wird es das endgültige Leistungsvermögen eines Pferdes widerspiegeln.

Daher ist eine Classification heute eher eine retrospektive Bewertung von Formen und nicht eine Bewertung der absoluten Leistungsfähigkeit der an den Rennen teilnehmenden Pferde. Die wirkliche, dem Pferd innewohnende Leistungsfähigkeit kann nur dann abgeschätzt werden, wenn Pferde direkt gegeneinander laufen, und zwar auf höchster Ebene und wenn sie voll ausgereift sind.“

Durch das Vorgenannte dürfte klar sein, dass Pferde wie Sea The Stars, Zarkava oder Zenyatta niemals überschätzt werden können, da sie – wie bereits erwähnt – zwar sämtliche Gegner schlagen, dabei aber nicht mehr tun als nötig. Dadurch kann man zwar den Wert der gezeigten Form bemessen, über die wirkliche Leistungsfähigkeit kann man indes nur Mutmaßungen anstellen. Diese Pferde waren nie gezwungen, ihre Grenzen aufzuzeigen. Man mag es bedauern, dass sich die Wege dieser drei Pferde nie gekreuzt haben, denn nur dann hätte die Möglichkeit bestanden, die Richtigkeit der Ratings zu überprüfen. So werden wir nie erfahren, wie gut diese Pferde wirklich gewesen sind.

Auch ihr Verhältnis untereinander wird nie geklärt werden. Und dabei gehören sie quasi einer Generation an! (Die anhaltende Debatte in Nordamerika darüber, ob nun Zenyatta oder Rachel Alexandra den Titel „Horse of the Year“ verdient, mag dies zusätzlich illustrieren.) Um wie viel schwieriger ist es da, Pferde unterschiedlicher Epochen miteinander zu vergleichen.
Das Rating ist also nicht das einzig entscheidende Kriterium für die wahre Größe eines Pferdes. Es macht in vielen Fällen keine endgültige Aussage über das Leistungsvermögen. So tut man gut daran, auch noch andere Faktoren in Betracht zu ziehen. Einige Beispiele:

Zweifellos werden sich über das diesjährige Rating von Goldikova (130) im Verhältnis zu dem vorjährigen ihrer französischen Altersgefährtin Zarkava (128) einige Augenbrauen heben. Als beide im Vorjahr mehrfach gegeneinander liefen, war Zarkava nicht nur immer die Bessere, sondern auch in Bezug auf Distanzen die Vielseitigere gewesen. Aber Goldikova hat sich seit ihrem letzten Zusammentreffen weiter verbessert, und sie ist mit ihrem Sechs-Längen-Sieg im Prix Jacques le Marois sogar, was das Rating angeht, an ihrer ehemaligen Rivalin vorbeigezogen. Wäre es fair gewesen, Goldikovas Leistung in Deauville künstlich klein zu halten, nur damit sie für die Nachwelt im Rating nicht über Zarkava zu stehen kommt? Eine ganz andere Frage ist, ob die jeweiligen Ratings das wirkliche, den beiden Stuten innewohnende Leistungsvermögen, wiedergibt.

Und werden die Ausgleicher, gefragt, wer historisch gesehen die Bessere von beiden war, tatsächlich so antworten, wie ihre Zahlen es nahelegen?

Ähnlich ist es um Zenyatta bestellt, die mit 128 das höchste Rating für eine amerikanische Stute erhalten hat, seitdem Inside Information (129) im Jahr 1995 mit 13 Längen Vorsprung das Breeders‘ Cup Distaff gewonnen hat. Inside Information hat, darin Zenyatta gleich, 14 Rennen gewonnen. Aber sie hat, im Gegensatz zu Zenyatta, auch drei Rennen verloren. Inside Information ist auch nie gegen die Hengste gelaufen, und der riesige Vorsprung mag ein kleines Fragezeichen hinter dem Rating rechtfertigen.

Angesichts der Tatsache, dass Zenyatta nie geschlagen wurde, dass sie im Breeders‘ Cup Classic einen historischen Sieg gegen die Hengste schaffte und dass ihr besonderer „modus operandi“, mit dem sie ihre Rennen gewann (man wusste nie, wie viel ihr Reiter wirklich noch in der Hand hatte), dürfte es nicht ungerecht sein, wenn man bei der Frage, wer historisch gesehen die Bessere war, den Namen Zenyatta nennt.

Ein weiterer Punkt bedarf noch eines Hinweises. Wenn Stuten gegen Hengste laufen, ist die Stutenerlaubnis bereits im Rating eingerechnet. Wenn also eine Stute ein großes Rennen mit einem Kopf Vorsprung gegen einen Hengst gewinnt, von dem sie gewöhnlich drei Pfund Stutenerlaubnis erhält, so wird ihr Rating, obwohl sie das Rennen gewonnen hat, zwei Pfund niedriger ausfallen, als das Rating des Hengstes.

Man könnte nun einwerfen, dass die Stutenerlaubnis ebenso wenig berücksichtigt werden sollte, wie das beim Altersgewicht geschieht. (Sea The Stars z.B. wurde in seinen Rennen gegen ältere Pferde wie z.B. Youmzain so behandelt, als trügen beide dasselbe Gewicht, obwohl jener – altersbedingt – tatsächlich 8 Pfund weniger trug als dieser.) Die Historie hat jedoch gezeigt, dass ein solch unterschiedliches Gewicht zum Ausgleich der altersbedingten Entwicklung notwendig ist.

Ein letzter Hinweis noch zur Veröffentlichung der World Thoroughbred Rankings aus dem Jahre 2008. Dort wurden Curlin und New Approach, jeweils mit einem Rating von 130, als „World Champions“ bezeichnet. Das könnte durchaus zweifelhaft sein, denn in einem hypothetischen Rennen dieser beiden Hengste gegen Zarkava (Rating 128) und unter Berücksichtung der üblichen Stutenerlaubnis würde sie das Rennen gewinnen, und somit „de facto“ Champion des Jahres sein.

Für die internationalen
Handicapper:
G.O. Gorman, Irland
Co-Chairman WTR-Committee

(20.01.2010)