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Der Schnäppchenjäger Nummer Eins des Turfs

Es war ein harmloser Ausgleich IV zum Ende der Veranstaltung. Das Gros der Rennbahnbesucher hatte sich eigentlich schon auf den Heimweg gemacht. Doch vor wenigen Tagen in Mülheim brandete noch einmal ungeheure Spannung und vor allem Stimmung auf, die ansonsten vermisst wird. Begeisterung für das eigene Pferd, hörbar bis in die Buchmacherläden.

Denn als Mitte der Zielgeraden der Favorit Rapa Nui zum Angriff auf den schon auf einige Längen enteilten Phantasma schritt, ging Besitzer Stephan Hoffmeister („im Rennen vergesse ich, wer neben mir steht.

Wenn man nicht mitfiebert, braucht man kein Pferd“) voll mit, feuerte sein Pferd nach besten Kräften an. Und man hatte den Eindruck, dass seine Worte den Wallach im Finish entscheidend motivierten.

Eigentlich war es kein besonderer Sieg. Eigentlich. Denn der Wallach schien ein Pferd mit ziemlich bescheidenen Mitteln zu sein, auf ewig sieglos. Doch drei Treffer in den letzten Wochen für seinen neuen Eigner sprechen für sich (der Name Stall Australia kommt von der Sympathie Hoffmeisters für Down Under. Nach einem dreimonatigen Urlaub gefiel es ihm dort so gut, dass er später drei Jahre am anderen Ende der Welt verbrachte und jetzt jedes Jahr im Januar sechs Wochen nach Australien reist).

Dabei handelte es sich um einen von mehreren Billigkäufen, die groß eingeschlagen haben und die Szene in Erstaunen versetzten.

„Rapa Nui war zwei Wochen lang in der Sport-Welt inseriert. Niemand wollte das Pferd haben. Ich habe fast aus Mitleid dem Pferd gegenüber bei Herrn Krapp angerufen und ihn für 1500 Euro gekauft. Das Pferd hat richtig Spaß bekommen, ist nach dem Ziel immer noch weitergaloppiert“, berichtet Stephan Hoffmeister.

Und Punkte sammelte der Stall Australia in der Vergangenheit in Serie. Man denke nur an Iwan, einen ausgesprochenen Sandbahnspezialisten. „Für ihn habe ich 2000 Euro bezahlt. Bisher hat er sieben Rennen gewonnen, fast alle auf Sand, war auch schon Zweiter in einem Hürdenrennen, doch war mir das dann doch zu gefährlich“, schildert der Eigner.

Drei Pferde (zwei Zweijährige und ein Dreijähriger) stehen derzeit bei Andreas Schütz, ein Youngster bei Mario Hofer, sechs Kandidaten bei Werner Baltromei und vier auf der eigenen Koppel. Und auch das ist irgendwie nicht überraschend bei einem so positiv „Pferdeverrückten“ wie Stephan Hoffmeister.

„Ich habe einen Hof in der Nähe vom Gestüt Rheinberg für lange Zeit gepachtet. Dort bekommen alle meine Pferde ihr Gnadenbrot. Dort steht Iwan jeden Sommer. Zur Zeit sind Golden Earring, Paradise Eden, Elle Diva, die wegen einer Sehnenverletzung wohl nicht mehr laufen kann, und Change your mind hier.

Change your mind war mein erstes Pferd. Ohne ihn wäre ich dem Sport wahrscheinlich nicht so verbunden wie ich es jetzt bin. Ich habe für ihn 3000 Mark bezahlt. Er war ein absoluter Glücksgriff, stand bei Andreas Trybuhl und hat drei Rennen hintereinander gewonnen vom Ausgleich IV bis zum Ausgleich II. Andreas Trybuhl hatte den gerissenen Changie sehr gut im Griff.'

Dass Stephan Hoffmeister, der mit zweitem Vornamen Larry heißt („mein Vater sah in Larry Hagman von Dallas ein Vorbild, dachte wahrscheinlich, er legt mir auf diese Art den Beruf eines Öl-Geschäftsmannes in die Waage“) eigene Pferde haben würde, war erst gar nicht abzusehen.

„Das kam eigentlich durch die Wetterei. Ich dachte mir, es ist doch noch besser, Pferde zu kaufen und auf sie zu setzen als auf Pferde von anderen Leuten. Tiere sind mir schon immer ans Herz gewachsen. Ich habe drei Hunde. Change your mind habe ich von einem Freund gekauft. Nach einem fünften Platz beim ersten Start startete er durch. Das war schon der Hammer. Ich habe gedacht, das mit dem Gewinnen im Turf ist aber mal ganz einfach.“

Auch Golden Earring und Paradise Eden standen ihm wenig nach, holten zahlreiche Treffer. Doch die Nummer eins war ganz eindeutig Australian Dreams, die insgesamt sieben Rennen gewann, allein fünf im Jahr 2003.

Teuer war auch diese Lady nicht. Hoffmeister: „Sie hat 3000 Pfund gekostet. Bestimmt wäre sie auch im Preis der Deutschen Einheit in Hoppegarten Eins-zwei gewesen, aber da war sie verseucht, denn eine Stunde vor dem Rennen hat es heftig geregnet. Und sie hasst weichen Boden. Ich habe sie für 75.000 Pfund wieder verkauft. Sie wird jetzt Mutter in England.“

Realisieren lassen sich solche Erfolgsserien natürlich nur mit den entsprechenden Trainern, den Stalljungs und natürlich den Stallmädels, doch damit nicht genug. „Meine Trainer sind alle gut. Jeden Tag vor und nach der Arbeit besuche ich meine Pferde in Mülheim. Sie haben alle Außenboxen. Wenn mein Auto anrollt, hören sie mich schon. Ich kann manchmal genau sehen, wann meine Pferde eine Pause wollen. Es kommt nicht selten vor, dass sie wie Iwan mal ein halbes Jahr nicht laufen wollen.“

Und dann liefert er ein Beispiel, wie sich diese individuelle Betreuung auszeichnet. „Ich habe Golden Earring in einem Verkaufsrennen für 15.000 Euro verkauft, obwohl ich das eigentlich nicht wollte, doch war ich mit den Regularien dieser Rennen nicht so vertraut. Zwei Tage habe ich nur geheult, da sie mein Lieblingspferd war. Ich habe dem neuen Besitzer gesagt, er könnte sich melden, wenn sie nicht so richtig einschlagen würde. Als sie sechsmal in Folge Letzte oder Vorletzte war, hat er mich angerufen und sie mir für tausend Euro wieder verkauft. Nach zwei Monaten Arbeit hat sie wieder ein Rennen gewonnen.“

Gibt es ein Erfolgserlebnis? „Man muss sich um die Pferde kümmern“, sagt Stephan Hoffmeister, der das allerdings nur bei den Mülheimer Pferden tun kann. „In Köln bin ich nur zweimal im Monat. In Mülheim liege ich aber auch schon mal in der Box neben einem Pferd. Ich gebe ihm Leckerchen. Das ist fast wie bei einem Hund. Die Pferde springen nicht hoch. Ich bin auch noch nie getreten worden. Ein Pferd, das ich als Jährling vom Gestüt Elite erworben habe, war etwas empfindlich im Ohr und daher etwas mürrisch. Er, Prince of Australia, ist mitterweile mein Hoffnungsträger.“

Engagiert ist er eben durch und durch, holt seine Pferde im Siegfall auch persönlich am Zügel vom Geläuf ab. Unvergessen die Szene an Silvester nach dem Kampferfolg von Iwan, als Stephan Hoffmeister auch das durch den aufspritzenden Sand dreckverschmierte Hemd egal war. Auch damals konnte er sich über eine satte Auszahlung am Toto freuen.

Und das Wetten, unverzichtbar für die Existenz dieses Sports, ist sicher ein Faktor für ihn. „Das gehört dazu, ist bei den heutigen Umsätzen aber schwierig. Rapa Nui stand in Köln einige Sekunden vor dem Rennen 76:10, zahlte am Ende 39:10. Aber ich unterstütze die Rennvereine gerade jetzt, auch wenn es schon frappierend ist, wie die Quote in den Keller fällt.“

Engagement zeichnet Stephan Hoffmeister auch in Mülheim aus, wie die aktuelle Aktion vom Samstag beweist - die Besitzrechte an der schon viermal erfolgreichen Arc of Love stellte er einem per Los bestimmten Rennbahnbesucher für einen Tag zur Verfügung. Sie erreichte einen guten zweiten Platz.

„Ich war bei der Jahreshauptversammlung, nachdem ich einen Tag zuvor Mitglied geworden bin. Mir ist aufgefallen, dass die älteren Leute dort in erster Linie debattiert haben, ob die Bratwurst auf der Bahn fünfzig Cent mehr oder weniger kosten sollte. Da bin ich zur Oberbürgermeisterin und Präsidentin hingegangen. Ich fand die Idee von Guido Schmitt mit dem Besitzer für einen Tag gut, habe ihr mein Pferd für den Renntag angeboten. Man hat zugesagt.

Ich habe darauf hingewiesen, dass Arc of Love in einem 1600 Meter-Rennen laufen muss, dass sie aus einer Pause kommt und bestimmt Zweite oder Dritte werden könnte. Der Umsatz war zwar nicht berauschend an diesem Nachmittag, aber man bekommt durch solch eine Aktion Leute auf die Bahn. Die Besucher haben wie wahnsinnig Zettel in die Losbox geworfen. Als Sponsor möchte ich nicht auftreten, so etwas ist mir lieber.“

Dabei ist Stephan Hoffmeister in seinem Hauptberuf stark ausgelastet, verwaltet hauptsächlich in Mülheim, wo er auch zu Hause ist, Immobilien und entwickelt Wohnungsanlagen oder Bürohäuser im Ruhrgebiet. „Mein Vater hat das in meine Hände gelegt. Er war am Anfang von meiner Rennsportbegeisterung nicht so angetan. Dank der Erfolge sind aber inzwischen meine Mutter, meine Schwester und er ebenfalls interessiert.“

Wenn außerhalb vom Turf noch Zeit bleibt, sieht man ihn auf dem Golfplatz. „Ich spiele seit zwölf Jahren Golf“, sagt Stephan Hoffmeister. Doch im Vordergrund stehen einwandfrei die Pferde. Und für sie wird er sich auch in Zukunft die Seele aus dem Leib schreien. Und das ist gut so.

(19.03.2004)