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Die ungewöhnliche Karriere von Pardus

Seine Stimmbänder sind immer noch arg lädiert, obwohl das große Ereignis zwei Tage der Vergangenheit angehört. Natürlich hat Peter Brauer, verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Direktorium für Vollblutzucht und Rennen längst wieder seinen Arbeitsplatz eingenommen. Ob via Telefon oder mal eben bei einem kurzen Anklopfen an den Tür, die Gratulationen reißen immer noch nicht ab. Aber es war schließlich auch ein ungewöhnliches Ereignis, Pardus hatte mit dem Preis von Schlenderhan am Schlusstag der Internationalen Wochen von Baden-Baden eins der wichtigsten Listen-Rennen der gesamten Saison gewonnen. Als Besitzer mit nur einem Pferd im Rücken mutierte man an diesem Tag vom David zum Goliath.

Sie ist alles andere als normal zu bezeichnen, die Laufbahn des Unfuwain-Sohnes Pardus. Und wer weiß, welche Wege sie noch einschlagen wird. Aber eins steht fest, der Wallach des Stalles Königsforst hat bewiesen, dass man mit einem Vollblüter so schnell nicht aufgeben, durchaus auch das eine oder andere Experiment wagen soll.

All dies hat sich bei Pardus gelohnt, der Wiedinger, der einst als Derby-Hoffnung galt und sogar über 2800 Meter antreten musste, hat sich zu einem der besten Meiler gemausert, gewann am Schlusstag der Großen Wochen von Iffezheim den Preis von Schlenderhan und klopft nach weiteren Platzierungen auf Gruppe-Ebene an der Tür zum ersten Treffer auf diesem Parkett. Während des Kölner Europa-Meertings soll es in der Großen Kölner Meile weitergehen. Die bisherige Bilanz des stets von Mario Hofer trainierten Wallachs: 35 Starts, 7 Siege auf Distanzen zwischen 1500 – 2400 Meter, 19 Platzierungen, Gesamtgewinnsumme 143 879 Euro.

Gezogen vom Gestüt Wiedingen fand der Unfuwain-Sohn später den Weg in das Krefelder Trainingsquartier von Mario Hofer. Zweijährig trug er keine Seide, doch sein überdurchschnittliches Talent hatte er erkennen lassen. Zudem sprach bei Betrachtung seines Pedigrees wenig dagegen, dass er auch über den Weg kommen sollte. Zusammengefasst, als Pardus Dreijährig ,,in den Ring“ geschickt wurde, galt er intern als möglicher Kandidat für das Deutsche Derby. Nach einem zweiten Platz zum Debut in der Maidenklasse wollte man es wissen, Mario Hofer sattelte ihn im Walther J. Jacobs-Rennen, doch die Fahrkarte zum Blauen Band konnte er nicht einlösen. Es war aber auch eine echte Nagelprobe, in der Vahr siegte der spätere Derby-Triumphator Belenus, Pardus wurde Siebenter.

Im August klappte es dann in der Maidenklasse, am Horster Schloss erfüllte Pardus gewann auf der Derby-Distanz standesgemäß als 15:10-Favorit. Damit war die Saison aber bereits beendet, längst nicht alle Erwartungen wurden erfüllt, Pardus hatte nicht das, was man sich erhofft hatte, umsetzen können. Man entschloss sich zur Kastration.

Vierjährig trat er nicht mehr in den Farben seiner Zuchtstätte an, der Vogelpark Walsrode war in Konkurs geraten, Wiedinger Pferde standen zum Verkauf. Auch Pardus, den Mario Hofer ebenfalls gerne im Stall behalten wollte. Natürlich kannte Hofer seine Besitzer-Klientel, wusste, wer für diese Offerte in Frage kommen würde. Wenige Tage vor Weihnachten klingelte bei Peter Brauer im Kölner Königsforst das Telefon. Hofer erzählte die Geschichte über Pardus, Brauer machte noch während des Telefonates die Sache perfekt.

Trotz einiger Platzierungen, so richtig weiter ging es mit dem vierjährigen Pardus zunächst nicht. „Wir haben auch an den Distanzen herumgedoktert, es sogar über 2800 Meter versucht“, erinnert sich Peter Brauer. Dann bekam man die Kurve, als man in der Distanz deutlich herunterschraubte. Über 1850 Meter gab es in Köln den ersten Treffer unter Flagge des Gestüts Königsforst zu notieren, wenig später war der Unfuwain-Sohn auf dieser Distanz erneut erfolgreich. Am zweiten Weihnachtstag gewann er sogar über 1500 Meter auf der Neusser Sandbahn.

Mit Pardus war man auf dem richtigen Weg angelangt, der Knoten war geplatzt. Fünfjährig gewann er gleich seine beiden ersten Auftritte, siegte dabei auch im Kölner Frühjahrs-Ausgleich, schaffte mit Platzierungen – u. a.. im Preis von Schlenderhan - auch nahtlos den Sprung in die Listen-Kategorie. Doch nicht nur das, der Spezialist für weiches oder gar schweres Geläuf steigerte sich abermals, als ihm auf Gruppe-Level Platzierungen im Großen Preis der Landeshauptstadt Düsseldorf und im Premio Ribot gelangen.

Damit war Pardus ein weiteres Mal in neue Dimensionen vorgedrungen, zeigte auf einmal das, was man sich eigentlich von ihm stets erhofft hatte. Peter Brauer, der der Rennsportszene vor allem auch als Chef der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen bekannt ist, gibt aber auch zu verstehen, dass man ihm Pardus nicht als Ausgleich III-Pferd verkauft habe. Und Coach Mario Hofer wurde mittlerweile in seinem Urteil über Pardus längst bestätigt.

Hauchdünn schrammte der „Königsforster“ in diesem Jahr zunächst an Siegen auf Listen- und Gruppe-Ebene vorbei. „Ich habe dies aber nie als Niederlagen angesehen, es gab dicke Platzgelder, das Pferd hat exzellente Leistungen gezeigt“, gibt Peter Brauer zu verstehen. Dagegen restlos enttäuscht war man nach der Jaguar-Meile. „Das roch nach Arbeitsverweigerung“, meint Brauer.

Seither muss Pardus morgens springen, doch das macht er großartig. In Iffezheim klappte nun der ganz große Wurf, nach einem Glanzritt von Frankie Dettori nagelte Pardus den fast schon in Sicherheit gewähnten Scapolo genau auf der Linie fest. Diesmal war das Glück auf der Seite des Hofer-Schützlinges. Es sollte sicher nicht seine letzte Glanzleistung gewesen sein.

(04.09.2002)