Top-Story

Die zweite Karriere für unseren Rekordgalopper

'Der Vater wird vom Sohn gejagt“, doch es war nicht die Geschichte in einem Kriminalroman, sondern sie spielte sich auf dem grünen Rasen des Turfs ab. Am 27. März diesen Jahres war die Jagd vorbei, als in der Wüste von Dubai Paolini mit seinem Sieg im Dubai Duty Free seinen Vater Lando nach Gewinnsumme übertraf und ihn somit vom Sockel des erfolgreichsten Pferd in deutschen Rennställen stieß.

Dabei schien die Gewinnsumme von 2.892.803 Euro, die Derby-Sieger und Japan-Cup-Hero Lando in seinem Rekord führte, eigentlich eine Zahl für die Ewigkeit zu sein. Doch sein Sohn Paolini, ein Globetrotter durch und durch sowie mit seinen Glanztaten in World-Series-Rennen in den Farben seiner Besitzerin und Züchterin Carde Ostermann-Richter ein Aushängeschild der deutschen Zucht, hatte sich im Laufe seiner Rennlaufbahn auf die Verfolgung gemacht.

Mit seinem Triumph auf der Nad-Al-Sheba-Rennbahn - es gab auf dem ersten Rang totes Rennen mit dem südafrikanischen Gast Right Approach - wurden Paolini umgerechnet 640.000 Euro gutgeschrieben, womit er an seinem Erzeuger Lando locker vorbeizog. 3.282.450 Euro summierten sich somit seit dem 27. März, mit denen Paolini zum gewinnreichsten Pferd in Deutschland aller Zeiten avancierte Auch wenn global immer höhere Summen ausgeschüttet werden und deutsche Pferde ein wahrer Exportschlager „made in Germany“ sind, so dürfte Paolini noch lange an Nummer eins stehen bleiben.

Paolinis Karriere war sehenswert, aber auch geprägt von einem hohen Seltenheitswert. Für die deutschen Rennsportfreunde war der Galopper des Jahres 2002 eher ein Phänomen. Im Großen Preis von Baden 2001 hatte er seinen letzten Auftritt auf deutschen Bahnen.

Also noch zu D-Mark-Zeiten, so wurden ihm bei seinem vierten Rang - hinter Morshdi, Boreal und Sabiango - genau 100.000 Mark gutgeschrieben. Die Rennsportfreunde in der Bremer Vahr hatten dann noch einmal im Frühjahr 2003 das Vergnügen, Paolini zum Greifen nahe zu bestaunen, als er an einem Bremer Renntag im Führring präsentiert wurde.

Als der von Andreas Wöhler trainierte Lando-Sohn am 9. Oktober 1999 in Mülheim erstmals Seide trug, blieb er als zweiter Favorit auf extrem schwerer Bahn klar unter seinen Möglichkeiten. Das sah drei Wochen später in der Neuen Bult von Hannover schon anders aus, als er immerhin schon auf Rang drei über die Linie kam und seine erste Saison beendete.

Es war früh in der Saison 2000, als Andreas Suborics, der zu dieser Zeit Stalljockey am großen Wöhler-Stall war, in einem Interview auf der Düsseldorfer Galopprennbahn den Namen Paolini aussprach, als es darum ging, einen Derby-Kandidaten zu nennen. Am 9. April legte der Wöhler-Schützling dann in Horst die Maidenschaft gegen Konkurrenten ab, die nicht ohne Referenzen angetreten waren. In Riems Oettingen-Wallerstein-Memorial wehte wenige Wochen später auf Listen-Ebene schon ein anderer Wind, doch blieb der Hengst von Carde Ostermann-Richter gegen Pappus und Rosolaw knapp, aber sicher voraus. Dies sollte der letzte Sieg des Hengstes in deutschen Landen gewesen sein.

Ende Mai brach Paolini zu seiner ersten Auslandsreise auf, denn Andreas Wöhler sattelte ihn im Derby Italiano in Rom. Gestüt Röttgens Kallisto ging auf der schnellen Capannelle-Bahn förmlich spazieren, für den zweiten Platz unterlag Paolini mit Willie Ryan im Sattel ganz knapp. Längst war klar, dass der Hengst genau wie sein Vater Lando eine Abneigung gegen zu weiches Geläuf hatte.

Im Deutschen Derby - Samum gewann überzeugend - war der Boden so richtig schwer, somit spielte der Hengst in Hamburg keine tragende Rolle. Rund sechs Wochen später kam es im Gelsenkirchener ELE Pokal - dem früheren Aral-Pokal - zu einem dramatischen Finish zwischen Paolini und Catella. Schlenderhans Farben gingen nach Auswertung der Zielfotografie als Sieger hervor. Ähnlich wie in Hamburg hatte es auch am Tage vor der Entscheidung des Großen Preises von Baden wie aus Kübeln gegossen, Paolini war somit bei seinem letzten Jahresauftritt ohne Chancen.

Als Vierjähriger feuerte Paolini gleich aus vollen Rohren, wobei zweimal Italien zur Stätte des Triumphes wurde. Zunächst war der Wöhler-Schützling leichter Sieger im Premio Presidente Della Repubblica, dann heftete er den Gran Premio di Milano an seinen Fahnen. Zwei renommierte Gruppe-I-Prüfungen im europäischen Turfkalender gingen auf seine Kappe, beide Male war Andreas Suborics im Sattel. Natürlich war der Wöhler-Schützling nach diesen beiden grandiosen Siegen in Italien ein brandheißer Kandidat für den Großen Dallmayr-Preis, der mit den 2000 Meter wie maßgeschneidert für Paolini zu sein schien.

Doch mit Kutub fuhr Godolphin schweres Geschütz auf, mit Frankie Dettori im Sattel gab es auch keine Opposition, doch blieb auf der Linie noch Krombacher vor Paolini. Rang vier sprang im Großen Preis von Baden heraus, es sollte sein letzter Start in Deutschland sein. Internationale Reputation gelang dem Lando-Sohn aber 2001 noch mit einem ausgezeichneten zweiten Platz zu Mutamam in den Canadian International Stakes.

Im Land der aufgehenden Sonne konnte Paolini im 21. Japan Cup nicht in die Entscheidung eingreifen. Am Ende sprang eine Jahresgewinnsumme von gut 1,5 Millionen Mark heraus, womit man sonst das erfolgreichste Pferd des Jahres ist. Doch 2001 war dies anders, sein Boxennachbar Silvano erwies sich als noch erfolgreicherer Global Player.

Im Singapore Airlines International Cup auf dem Kranji-Kurs sattelte Andreas Wöhler den Lando-Sohn erstmals 2002. Sofort präsentierte sich der Hengst in großer Form, scheiterte nur an Godolphins Grandera. Was später in Ascot passierte, muss als schlechter Witz hingenommen werden.

Während des königlichen Meetings hatte man die beweglichen Rails an der letzten Ecke so merkwürdig platziert, dass sich Behinderungen häuften. So auch in den Prince of Wales’s Stakes, in denen Paolini einer der Leidtragenden war, so dass nur Rang acht heraussprang. Nach sechsten Plätzen in der Arlington Million und in den Canadian International Stakes schrammte der Wöhler-Schützling zum Saisonabschluss 2002 im Hong Kong Cup hauchdünn am ganz großen Wurf vorbei.

Andreas Suborics, in jenem Jahr ständiger Partner von Paolini, stemmte sich auf den letzten Metern gegen die drohende Niederlage auf, doch sollte es nicht reichen. Mit einem kurzen Kopf schob sich Precision genau auf der Linie vorbei. Zum Trost gab es die Überweisung von umgerechnet 576.369 Euro. Die Jahresgewinnsumme von einer Milllion Euro verpasste Paolioni nur knapp.

2003 begann Carde Ostermanns Globetrotter mit einem Wüsten- Abenteuer. Das Dubai Duty Free stand auf dem Programm und sofort meldete sich der Lando-Sohn mit einer exzellenten Form zurück. Der zweite Platz hinter der famosen südafrikanischen Weltklasse-Lady Ipi Tombe wurde mit stattlichen 384.615 Euro versüßt.

Insgesamt lief Paolini als Sechsjähriger lediglich viermal, doch kam er erneut auf eine hohe Jahresgewinnsumme, da er im Audemars Piguet Queen Elizabeth II Cup auf Rang drei und in der Arlington Million von Chicago auf dem zweiten Platz endete. Vielleicht hätte er in den USA sogar gewonnen, wäre er nicht vom wegbrechenden und reiterlos gewordenen Storming Home behindert worden.

Es gab für seine engste Umgebung offenbar nicht den geringsten Grund, Paolini mit sieben Lenzen in „Pension“ zu schicken. Er überwinterte - mehrfach in Pisa in der Toskana - wiederum glänzend und begann die Saison 2004 mit einem wahren Paukenschlag. Wie bereits zu Beginn dieses Artikels erwähnt, passierte er gemeinsam mit Right Approach im Dubai Duty Free in Dubai als Sieger die Linie, kassierte für sein „totes Rennen“ 640.000 Euro.

Dies war die höchste Summe, die der Lando-Sohn in seiner unvergleichlichen Laufbahn je kassierte. Damit gelang es ihm auch, an seinem Erzeuger in der „Ewigen Bestenliste“ der erfolgreichsten Galopper vorbeizuziehen. Eduardo Pedroza war der Partner von Paolini gewesen und markierte auf dem Nad-Al-Sheba-Kurs seinen bislang größten Triumph.

Natürlich war es auch ein unvergesslicher Tag für Carde Ostermann-Richter, als sie den gewaltigen Pokal in Empfang nehmen konnte. Die Besitzerin und Züchterin hatte es sich nie nehmen lassen, gemeinsam mit ihrem Mann Paolini bei seinen Touren rund um die Welt zu begleiten.

Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass Paolini mit einen Geldpreis über die Linie kam. Wer eine solche Rennlaufbahn hingelegt hat, der braucht nicht nach Entschuldigungen zu suchen, doch bei seinen letzten vier Starts hatte der Lando-Sohn nie das nötige Quäntchen Glück.

So war der Start in der Carlton Draught Cox Plate von Australien sein letzter Auftritt unter Seide. Das geplante Gastspiel zum Abschluss seiner Karriere in Hong Kong kam nicht zustande. Der dreifache Gruppe-I-Sieger wurde nicht für das Starterfeld im Hong Kong Cup bzw. in der Hong Kong Mile aufgenommen.

Bereits im Herbst war bekannt geworden, dass Paolini 2005 im Gestüt Hof Ittlingen seine Stallion-Karriere beginnen werde. Der von Andreas Wöhler über die Jahre hinweg in großartiger Form gehaltene Lando-Sohn kam bei 28 Starts auf fünf Siege und 13 Plätze. Darunter befinden sich fünf Platzierungen in Rennen im Rahmen der World-Series.

Es summierten sich 3.282.450 Euro, dreimal bekam der „Galopper des Jahres“ 98,5 Kilo im Generalausgleich zugesprochen. Dass Paolini in 24 Gruppe-I-Rennen in Folge am Start war, gilt als eine wohl einmalige Serie.

Paolini ist nicht der erste Volltreffer der von Stanford stammenden Prairie Darling. Die von Walter Vischer, dem „Vater der Prairie-Familie“, gezogene Prairie Darling gab in der deutschen Zucht - sie war 1985 für wenige Jahre nach Großbritannien ausgeführt worden - mit dem im Preis der Privatbank Merck, Finck & Co. sowie Gran Premio di Milano auf Gruppe-I-Ebene erfolgreichen Platini einen Bombeneinstand.

Als Züchter des Surumu-Sohnes, u. a. auch Vierter im Japan Cup, zeichnen Evelyn und Albert Steigenberger, in dessen Farben Paolini seine Rennlaufbahn bestritt.

Der jetzt fünfzehnjährige Surumu-Sohn ist inzwischen im Gestüt Harzburg aufgestellt und ein stark frequentierter Stallion, der in diesem Jahr 42 Stuten deckte. Seine Laufbahn begann Platini im Gestüt Römerhof, brachte Jahr für Jahr Pferde, die über dem Durchschnitt standen. Schließlich wurde er in drei aufeinanderfolgen Jahren Champion der Väter mit dem ersten, zweiten und dritten Jahrgang, nach Anzahl der Sieger und Siege.

Sein erstes klassisches Produkt war die im Long Island Handicap in den Staaten erfolgreiche Moonlady, die hierzulande zur Leger-Siegerin aufgestiegen war. In dieser Saison avancierte seine Tochter Deva zur zweifachen Gruppe-Siegerin, im Vorjahr hatte Bonas Flambo auf Gruppe-Parkett Ehre für seinen Erzeuger eingelegt.
Nach Platini brachte Prairie Darling die von Nebos stammende Purple Haze, die über einen Sieg nicht hinauskam, in der Zucht aber mit Papa Luna bereits einen Ausgleich-I-Sieger brachte.

Wesentlich besser war auf der Rennbahn die von Acatenango stammende Purple Rain, die im Deutschen Stutenpreis von Hannover und somit auf Gruppe-Parkett platziert lief. Sie deckt aktuell im Gestüt Römerhof für die gleichnamige Adresse.

Nachdem Prairie Darling kurzfristig in irischem Mitbesitz stand und die von Caerleon stammende Carlossa gefohlt hatte, kam die Stanford-Tochter Mitte der neunziger Jahre in den Besitz von Carde Ostermann-Richter.

„Auf Vermittlung meines Schwagers Manfred Ostermann konnte ich seinerzeit Prairie Darling von Herrn Steigenberger kaufen. Ich erlebte damals die Heimkehr von Lando auf das Gestüt Ittlingen, in diesem Moment hatte ich mich entschieden, von diesem tollen Hengst auch ein Produkt züchten zu wollen“, erinnert sich Carde Ostermann-Richter. So suchte Prairie Darling 1997 Lando auf, das Produkt war Paolini.

Auch in den nächsten Jahren war der Ittlinger Stallion stets der Partner der Stanford-Tochter. Es folgte die Stute Pepsi, die aus gesundheitlichen Gründen ihre Karriere nicht fortsetzen konnte und mit der Carde Ostermann-Richter ebenfalls züchtet. 2002 wurde Perle geboren, sie ist im Rennstall bei Andreas Wöhler. In diesem Jahr fohlte Paolinis Mutter Prinz, natürlich nach Lando.

Paolinis Vater Lando ist, wenn man so will, aktueller denn je. Der Derby-Sieger und Japan-Cup-Triumphator stellt mit Epalo den frisch gekürten World-Series-Sieger. Mit seinem Sieg im Singapore Airlines International Cup und Platzierungen in Arlington Million und Man O’ War Stakes kam der Lando-Sohn auf die höchste Punktzahl und stieg zum „vierbeinigen Weltmeister“ auf.

Ehre für Lando legte beim Hong Kong Cup auch Touch of Land sein, der Gast aus Frankreich, Sieger vor allem im diesjährigen Großen Mercedes-Benz-Preis von Baden, wurde Dritter. Mit Intendant stellte Lando in diesem Jahr einen weiteren Gruppe-I-Sieger. Lando darf als bester Sohn des Fährhofer Champions Acatenango, der wie Lando auf sieben Gruppe-I-Sieg kam, gelten.

Auch Acatenango kann auf ein sehr erfolgreiches Jahr 2004 zurückblicken, denn er stellte z. B. den französischen Derby-Sieger Blue Canari, während sein Sohn Sabiango in den USA auf höchster Ebene punktete. Und im hohen Norden stieg Zenato zum Derby- und mehrfachen klassischen Sieger auf.

Als die Nachricht kam, dass Lando im kommenden Jahr im französischen Haras d’ Etreham in der Normandie seine Beschälerlaufbahn fortsetzen würde, war es natürlich nachvollziehbar, dass man Paolini heim nach Ittlingen holen würde.

Der „Botschafter des deutschen Turfs“ hat sich diesen Beschälerposten in einem Spitzengestüt glorreich verdient. 4.750 Euro beträgt die Decktaxe für Deutschlands Rekordverdiener. Eine fraglos interessante Offerte für den Vertreter einer der bedeutendsten deutschen Deckhengstlinien über Surumu, Acatenango und Lando.

(22.12.2004)