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'Nebos war der Beste'

Wenn am Sonntag Rennsportlegende Hein Bollow dem Kölner Traditiontitel Preis von Europa im Weidenpescher Park wie gewohnt seine Aufwartung macht und die Mütze zur Begrüßung schwenkt, zahlreiche Hände schüttelt oder bei der Siegerehrung sein langgezogenes „Gratuliiieeerre“ den siegreichen Besitzern ausspricht, dann ist es wieder ein ganz besonderer Tag für alle Beteiligten.

Und es werden auch Erinnerungen wach, beispielsweise an Opponent, mit dem der heute 90-Jährige 1963 beim ersten Kölner Europa-Preis noch als Reiter gewann. Oder denkt man an den unvergleichlichen Nebos 1979 und, nicht zu vergessen, Kondor 1988, mit dem Hein Bollow einen Abschiedserfolg im Preis von Europa feierte und seine einzigartige Karriere auf Schultern getragen beendete.

Ob im Rennsattel, oder als hocherfolgreicher Trainer: Es war die Krönung einer beispiellosen Karriere im Rennsport, im Übrigen genau 25 Jahre nach Opponent.

Hein Bollow kam von ganz unten. Dabei verhinderten Kriegsjahre mit Fronteinsätzen, Verwundung, Lazarett, wieder Front, Arbeitsdienst und Flucht ein noch besseres Ergebnis eines Mannes, der sein ganzes Leben den Pferden verschrieben hat.

„Ich bin nur wenige Minuten vom Springplatz Klein-Flottbeck geboren, habe von meinem zehnten Lebensjahr an auf Pferden gesessen, ob Polo, Turnier- oder Springpferde. Dabei kam ich von ganz unten, bekam nichts, aber auch gar nichts geschenkt“, wie er selbst nicht müde wird zu betonen.

Und wenn der deutsche Rennsport eine „Hall of Fame“ hätte, der gebürtige Hamburger Hein Bollow würde ganz gewiß in der ersten Reihe stehen. Wir haben uns am Asterblüte-Quartier von Peter Schiergen verabredet. Hier lässt der „Hein“ kaum einen Galopp aus. „Es muss schon etwas Außergewöhnliches passieren, wenn ich einmal nicht bei der Morgenarbeit vorbeischaue“. Er braucht den Stallgeruch wie die Luft zum Atmen, auch im 23. Jahr, nachdem er dem er dem Rennsport als Aktiver „ade“ gesagt hat.

Doch Ruhestand gibt es im Tagesablauf dieser lebenden Rennsportlegende eigentlich nicht. Denn gerade einmal wenige Minuten dauert unsere erste Begegnung mit Gisela und Peter Schiergen im Büro des Asterblüte-Quartiers, dann muss ein neuer Termin gefunden werden. Erst steht noch eine Massage bei Hein Bollow auf dem Programm, ehe es zum Mittagessen geht.

In einer Seniorenresidenz im Kölner Norden, einer Spaziergangsentfernung von der Kölner Bahn hat Bollow seit März diesen Jahres eine neues Zuhause gefunden. Das 1960 erbaute Haus verließ er nur schweren Herzens, wird nun von Waldemar Hickst bewohnt. Die Umstellung fällt dem fast 91-Jährigen, wie er gewohnt geradeaus beifügt, nicht leicht, doch ist seine Eigen- und Selbständigkeit das höchste Gut, was ihn auszeichnet.

Und Daueroptimist Hein Bollow, seine positive Lebenseinstellung gehört ohne Zweifel zu den Geheimnissen seines Erfolgs, erfreut sich am täglichen Besuch der Kölner Rennbahn, die, wie gesagt, in unmittelbarer Nähe liegt. Und auch sonst lässt Hein kaum einen Renntag aus, ob zuhause mithilfe des Rennbahnfernsehens oder auch dank Filip Minarik, der ihn des öfteren mitnimmt, und den er als ganz treue Seele bezeichnet.

Oder auch Andrasch Starke, der Bollow zuletzt aus Baden mit zurücknahm, das Gepäck auf den dritten Stock seiner liebevoll eingerichteten Wohnung tragend. Betreutes Wohnen nennt man das heute.

„Ach ja, wenn Du mit Hein Bollow fährst, brauchst du kein Navigationsgerät“, hat Filip Minarik einmal gesagt, der dem Altmeister ein fotografisches Gedächtnis attestiert. Ich bin ein großer Fan von ihm, hätte damals gerne gelebt, um die Zeit der langen Bügel oder die Rennen ohne Startboxen, dies erfuhr ich erstmals bei einem Jockeyvergleichskampf 1957 im fernen Australien, er weiß einfach alles, ob Zucht oder Rennen, er kennt bei fast jeder Autobahnausfahrt eine Geschichte, ob zu einem Gestüt oder irgendetwas anderes, Hauptsache der Rennsportbezug ist vorhanden“.

Dabei schwingt jede Hochachtung mit vor dem Sportsmann wie dem Menschen Hein Bollow. Und nun sitze ich hier in einer liebevoll eingerichteten Wohnung, die einem Museum gleichkommt, einer Zeitreise in Sachen Turf, einer Reise, wo der Rennsport einen Stellenwert in der Gesellschaft besaß, wie man es sich heute wieder erhofft.

„Das hat mir schon gefallen, immer im Mittelpunkt zu stehen. Unser Sport war präsent ob im Fernsehen oder in der Tageszeitung. Auf die Frage, ob er lieber Jockey oder Trainer war, sagt Hein Bollow ganz klar: Jockey, das Pferd als erstes durchs Ziel zu reiten, ist doch nochmal etwas ganz anderes. Man ist halt viel näher dran. Mein Blick fällt auf einen Bembel aus der Fernsehshow „Zum Blauen Bock“, der Unterhaltungssendung in den Sechsziger und Siebziger Jahren mit Heinz Schenk und Lia Wöhr.

Damals sang ich u.a. mit Max Schmeling und anderen Größen“, erinnert sich Hein gerne. Das Lied kann er übrigens heute noch. Oder das handsignierte Loriot-Buch zu einer Fernsehsendung, als Wim Toelke ihn einlud, als er mit Loriot beim Abendessen über Pferde - was wohl sonst - plauderte. Die Glasvitrinen können nur einen kleinen Teil der unzähligen Ehrenpreise zum Vorschein bringen, die er in seiner 51-jährigen, beispiellosen Karriere gesammelt hat.

„Die meisten habe ich verschenkt“, aber nicht die Weltzeituhr, die er für Opponents Sieg im Preis von Europa erhielt. Beim Gespräch kommt man schnell zu den handgeschriebenen Aufzeichnungen, in dem jeder Ritt von ihm, mit Abstammung, vom ersten Ritt am 3.10.37 auf Quisita in Karlshorst über den ersten Sieg auf Juist in Halle bis zum letzten Ritt am 23.11.1963 auf Ararat in Krefeld dokumentiert ist.

2697 Rennen gewann Hein Bollow, davon 1034 als Jockey und 1663 als Trainer, dabei errang er 14 Championate, 13 als Jockey und eines als Trainer. 29 klassische Siege stehen zu Buche, 16 als Jockey, 13 als Trainer, fünfmal siegte er im Blauen Band, viermal als Jockey, einmal als Trainer.

Und seine besten Pferde hießen Stolzenfels (104,5 kg) als Jockey, mit dem er den großen Ticino bezwang und Nebos (106,5 kg). „Nebos war der Beste bei den Hengsten, den ich je trainiert habe“, fügt er an. „Bei den Stuten kann ich mich nicht festlegen, es waren soviele Gute darunter“.

Und gerade diese Nebos-Geschichte im „Arc“ hat sich nicht nur in seinem Gedächtnis festgebrannt, wie bei jedem, der sich damals schon für Galopprennsport interessiert hat. Vielleicht war es mein größter Fehler, Yves Saint-Martin oder Lester Piggott nicht auf Nebos zu setzen, beide wollten ihn reiten. Lutz Mäder hat auch nicht schlecht geritten. Viele sagen, Nebos hätte das Rennen bei glattem Rennverlauf nicht verloren, wäre zumindestens Zweiter oder Dritter geworden. Eine Woche nach dem „Arc“ war Nebos dann Dritter im Preis Europa.

„Er war im Führring ein sehr nerviges Pferd, der stark schwitzte, nur unmittelbar vor dem Rennen war Nebos immer staubtrocken“. Wie überhaupt Hein Bollow der Meinung ist, dass die Rennpferde heute vielleicht zu sehr in Watte gepackt werden.

Es war halt eine andere Zeit, in der es durchaus üblich war, dass sehr gute Pferde zwei- bis dreimal während eines Meetings in Baden oder Hamburg an den Start kamen. Generell waren drei Starts in 14 Tagen schon mal keine Seltenheit. Kein Vergleich zu heute, aber aktuell sind die Methoden des Trainings auch andere und der Druck der Besitzer ist größer geworden, so sieht es beispielsweise auch Peter Schiergen.

Nach einem Tipp für den diesjährigen Preis von Europa gefragt, ist sich Hein Bollow seiner Sache sicher. „Earl of Tinsdal wird das Rennen gewinnen, dann sehe ich Saltas aus dem Quartier von Peter Schiergen. Schade, dass nur sechs Pferde laufen. Aber so ist das eben“.

Im Leben des Hein Bollow hat es eigentlich nie etwas anderes als Pferde und seine geliebte Ehefrau Margot gegeben. Bei der Frage nach Hobbies und Leidenschaften, ob beispielsweise mal ein Theaterbesuch beispielsweise oder ähnliches drin war, antwortete einst seine Frau: „Nein, es sei dann, es kam ein angebundenes Pferd im Stück vor“.

Nie losgelassen hat Hein Bollow die Frage, warum so selten gute Reiter nicht gleichzeitig auch gute Trainer geworden sind. „Meistens waren das eher gute Amateure und talentierte Hindernisreiter. Auf diese Frage habe ich bis heute keine Antwort gefunden“. Und zum Thema Frau im Rennsattel erteilt er Steffi Hofer so etwas wie einen Ritterschlag und meint: „Ich wußte, dass irgendwann mal eine kommen wird, die den Männern das Wasser reichen kann, aber es hat sehr lange gedauert“.

Erfolg in seinem Leben war kein Selbstläufer, den musste sich der gebürtige Hamburger hart erarbeiten. Das Möbel- und Transportgeschäft, das seine Eltern betrieben, feiert übrigens im April in der vierten Generation bestehend 100-jähriges Jubiläum.

„Der Motor für meine Erfolge war meine Frau, eine starke Frau im Hintergrund ist in unserem Trainerberuf gestern wie heute eine wichtige Voraussetzung, ich hatte dieses Glück. Die meisten guten Trainer waren erfahrungsgemäß auch nicht selten gute Futtermeister“, sucht er nach weiteren Argumenten für eine erfolgreiche Karriere.

„In unserer Zeit kam das Besitzer/Trainer/Jockeyverhältnis einer Familie gleich, ich war als Trainer beispielsweise nie angestellt, wie das heutzutage oft der Fall ist. Die Frühstücke bei meiner Frau waren legendär, haben nicht unerheblich dafür gesorgt, dass wir den Zusammenhalt gestärkt haben.

Solche Besitzer wie damals sind wie fließendes Wasser, sie kommen in der heutigen Zeit leider nicht wieder“, hat er während unseres Gespräches gesagt. Treu war Bollow, der 56 Jahre verheiratet war, auch zu seinen Jockeys. Peter Remmert (606 Siege)war mit Unterbrechung 21 Jahre Stalljockey, Lutz Mäder (322) sechs Jahre und Jose Orihuel (91 Siege) zwei Jahre.

Auch hier zeigte sich Bollows Geradlinigkeit, diese, gepaart mit seinem stets andauernden Optimismus, auch in aussichtslosen Situationen nicht aufzugeben und damit oft genug das vermeintlich Unmögliche doch noch möglich zu machen. Vielleicht ist dies auch einer der Gründe für seine außergewöhnliche Popularität, die Hein Bollow bei den Aktiven wie dem Publikum immer noch besitzt.

Dafür hat man wohl auch einen Instinkt und umgibt die Aura von Sportgrößen auf dieser Welt. Er strahlt auch im hohen Alter jede Menge Vitalität aus, von dem sich so mancher im Jammerland Deutschland eine Scheibe abschneiden kann, auch wenn sein nur eingeschränktes Hörvermögen die Sache erschwert. Aber Hein Bollow wäre nicht Hein Bollow, wenn er auch damit nicht klar käme.

(23.09.2011)