Top-Story

„Das Pferd, das pokern konnte“

Es ist der 5. Oktober 1975. Der von Theo Grieper für den Stall Moritzberg des kürzlich verstorbenen Waldemar Zeitelhack trainierte Star Appeal schreibt unter Jockey Greville Starkey auf der Pariser Prachtbahn von Longchamp Turf-Geschichte und gewinnt als erstes deutsches Rennpferd überhaupt den Prix de l’Arc de Triomphe. Unter den Besuchern ist auch der damals 21jährige Amateurreiter Peter Brauer. Für den bei Köln aufgewachsenen Studenten ist es der zweite Besuch beim „Arc“ und er erlebt hautnah einen für den deutschen Galopprennsport epochalen Moment. Auch heute, 42 Jahre danach, ist für den langjährigen früheren DVR-Pressesprecher, der zusammen mit Beatrix Mülhens-Klemm die Vollblutagentur Panorama Bloodstock betreibt, klar: Seine Nummer 1 ist Star Appeal.

Der Arc-Sieg war ein Paukenschlag. Siege deutscher Pferde in großen internationalen Rennen waren bis dahin ganz große Seltenheiten gewesen. Nach Ende des Krieges dauerte es viele Jahre, ehe überhaupt hin und wieder ein deutsches Pferd im Ausland startete. Gegenwärtige Verhältnisse mit jährlich mehr als 2500 Auslandsstarts deutscher Pferde waren unvorstellbar. Europa war damals doch noch nicht das Europa von heute. Deutschland hatte, 30 Jahre nach Kriegsende, international zwar einen Teil seiner Anerkennung zurück, aber das längst noch nicht im Rennsport. International zählten nur Frankreich und England, Deutschland kam auf der Turflandkarte ganz am Rande vor. 1967 erzielte Fredi Ostermanns Pentathlon als Sieger im heute zur Gruppe 1 zählenden Prix de l‘Abbaye erstmals einen richtigen Toperfolg für Deutschland. In den folgenden sieben Jahren konnten nur zwei Deutsche einen Treffer in dieser Sphäre erzielen: 1969 Priamos im Prix Jacques le Marois und 1974 Prince Ippi im Gran Premio die Milano. „Ein Pferdetransport z. B. nach Paris war mit zähen Formalitäten und Kontrollen an zwei Grenzen nichts Normales, sondern eine Expedition“, so Brauer, „eine Sache für Verwegene, ganz Entschlossene. Als ein Rennsport-Neueinsteiger namens Zeitelhack 1973 so respektlos war, mit dem damals noch unprominenten Star Appeal einen Start im „Arc“ zu riskieren, wurde das von Deutschland aus verständnislos beäugt. Und dass der Hengst zwei Jahre später drei Gruppe 1-Rennen, darunter die Eclipse Stakes und den Prix de l`Arc de Triomphe gewinnen würde, war für die deutsche Turfszene restlos aus der Welt.“

„Ein sehr unauffälliges Pferd“
„Was die internationale Fachwelt selbst nach seinem Eclipse-Sieg über die Arc-Chancen von Star Appeal dachte, dokumentierte sich in der Siegquote: 1197:10 gab es am Toto. Sie ermöglichte mir tags darauf den ersten kleinen Aktienkauf meines Lebens“, grinst Brauer noch heute. „Er war optisch aber auch ein wirklich unauffälliges Pferd und dazu kam seine vorherige Vita: Als mit dem Arc sein beinahe 40. Lebensstart anstand, hatte er alles Mögliche hinter sich, aber wenig von dem, was die Vorgeschichte der anderen Teilnehmer ausmachte. Ein gutes Jahr zuvor noch war er, damals trainiert von Anton Pohlkötter in Weidenpesch, als Führpferd seines Stallgefährten My Brief im Hansa-Preis angetreten und unter Manfred Kosman als Elfter von vierzehn durchs Ziel getrudelt“, erinnert sich Brauer, der später Mitarbeiter der führenden Fachzeitungen „Paris-Turf“ und „The Sporting Life“ werden sollte. „Das Jahr 1975, inzwischen in der Obhut von Theo Grieper in Röttgen, begann der Hengst unter Fritz Drechsler als Zweiter in einem Rennen, das ansonsten völlig unverdächtig ist, spätere Arc-Sieger am Start zu sehen: Es war, über 1600 Meter, der Kölner Frühjahrs-Ausgleich. Selbst als er zum zweiten Mal das Hauptrennen des Frühjahrs-Meetings gewonnen hatte, vermutete in dem Braunen niemand einen künftigen Weltstar. Genau dadurch kam ich, damals unbewusst, zu einem Erlebnis völlig einziger Art: Ich ritt in diesen Jahren regelmäßig als Amateur in Röttgen aus. Eines Sonntags, als Theo Grieper wegen Abwesenheit vieler Mitarbeiter kurzfristig entschied, das normale Trainingsprogramm ausfallen zu lassen, ich aber schon gestiefelt und gespornt im Stall stand, meinte er: Wenn Du schon gekommen bist, dann nimm doch einen raus und geh eine große Trabrunde durch den Wald. „Der eine“, der dadurch dann ein bisschen Bewegung erhalten sollte, war kein anderer als Star Appeal. So kam es, dass ich als 20jähriger Amateur an einem sonnenüberfluteten Frühlingsmorgen ganz allein einen ziemlich ausgedehnten Ausritt durch das traumhaft schöne Gestütsgelände genießen durfte, auf einem sympathischen, unkomplizierten Pferd, dessen Zukunft zu diesem Zeitpunkt niemand im Stall erahnte.“

Über die Arbeit nicht einzuschätzen
Es folgte kurz danach der Sieg im Gran Premio di Milano. „Der Trainer nahm mich als Dolmetscher mit nach San Siro, im privaten Düsenjet von Besitzer Zeitelhack, der morgens Greville Starkey in England abgeholt hatte. Es muß ganz schön bizarr gewesen sein, wie ich Jüngelchen diesen altgedienten Reitersmann unterwegs davon zu überzeugen versuchte, dass es eine echte Siegchance gebe.“ Dem Sieg in Mailand, bei dem noch ein Protest überstanden werden mußte, folgte der Eclipse-Treffer in Sandown. Es war der erste deutsche Sieg in England seit mehr als 100 Jahren. „Das ganz Besondere an Star Appeal war nicht nur, dass er nie das kleinste Wehwehchen hatte, sondern dass er sich über die Arbeit nicht einschätzen ließ - vielleicht ähnlich wie später auch Danedream. Im Stall waren sehr, sehr lange alle der Meinung, dass seine Trainingsgefährten Lord Udo und Kronenkranich mehr Klasse hätten als er, weil sie irgendwie mehr imponierten als er. Während sie im Training glänzten, deckte er die Karten nicht auf. Er pokerte. Vielleicht war das sein Erfolgsgeheimnis, denn Theo Grieper war ein Trainer, bei dem enorm viel gearbeitet wurde.“
Star Appeals Erfolge haben den deutschen Galopprennsport verändert, indem sie den Stellenwert Deutschlands im europäischen Rennsport ebenso vergrößerten wie im Inland das Selbstbewußtsein und die Unternehmungslust. „Mein Leben hat dieser Hengst auch verändert, denn er beflügelte meine vorhandene Rennsportpassion noch weiter. 1976 machte ich die Besitzertrainerprüfung und kaufte bald danach mit Hilfe meiner Eltern in Röttgen mit 22 Jahren mein erstes Renn- und später Zuchtpferd: Sindy, eine Tochter von Star Appeals Schwester Servitude. Und meinen einzigen Sieg im Rennsattel bescherte mir Standard, der ebenfalls aus einer Star Appeal-Schwester stammte. Es war übrigens der berühmte Preis vom Südpark in Neuss, im toten Rennen mit Liara unter Christian von der Recke.“
 

(12.01.2017)